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Im Frühjahr dieses Jahres bin ich im Leipziger Schauspielhaus zu einer Lesung von Dr. Mark Benecke wach geworden. Er referierte über den Verwesungsprozess von Leichen, und was uns Geruch und herumfleuchendes Wurmgetier zum Todeszeitpunkt eben dieser Leiche sagen können. Er bebilderte dies – für’s Schauspielhaus vielleicht ungewöhnlich – mit einer einfachen PowerPointPräsentation, worauf ich nicht gefasst war, mir wurde während des Vortrags also wellenweise übel. Weil ich also einerseits kein Blut sehen kann (und zur Kompensation keine Sprechstundehilfe angestellt habe, die diesen Makel für mich übertünchen könnte) bin ich weder Ärztin noch Kriminalbiologin, sondern Lehramts(immernoch-)studentin. Ich kann auch sagen, dass der Sinn für’s Destruktive bei mir nicht vordergründig ist, und ich deshalb unterrichten will. (Ich betone das; Mangel an Destruktivitätsverliebtheit ist ja nicht unbedingt eine Voraussetzung für den Unterrichtsberuf.)
Heute aber galt es im Geschichtsseminar dann doch, ganz krude Fragen anzudenken, wie sie sonst vielleicht eher für das allabendliche TV-Serienprogramm mit seinen ach-so-vielen und ach-so-bedeutsamen forensisch orientierten Pathologen interessant sind. Die Frage nämlich, wie lange ein Mensch, wenn man ihn erst hungern lässt, und foltert, und ihn abmagern lässt und schlägt und systematisch vernichten will – wie lange der dann so braucht, bis er im Krematorium zu Asche geworden ist. Und ob, wenn man diese Zeit X dann mal 6 Millionen multipliziert – ja, ob dann der Holocaust möglich gewesen ist, so rein praktisch gesehen.
Im Seminar zur „Geschichte der SS“ wurde heute statt der sonst üblichen Bastelei, durch die man sich als Lehramtskandidat sonst so durchschlägt, anhand der kruden Thesen eines Mädels in Dirndl (mit schlecht blondierten Haaren und eisernem Kreuz um den Hals, die in den Vorwochen schon Sätze geäußert hatte wie etwa „Als München dann endlich von der Räterepublik befreit war … .“ ) der Umgang mit der härteren Gangart üblicher Stammtischparolen geübt. Das arme Ding, ganz allein im Raum mit ihren Thesen, die sie gegen das erwachende Seminar verteidigen musste, hatte ihre Hausaufgaben gründlich gemacht und die ganze Bandbreite der Holocaustleugnung aufgefahren: Es gab gar keinen Befehl, die „Endlösung“ war also nicht zentral geplant. Die 6 Millionen sind doch wahrlich übertrieben, in Auschwitz, so schätzt sie, sind vielleicht 200 000 Menschen gestorben. Und dieses Massensterben (das Wort hat sie nicht benutzt, das nenne ich jetzt), das war irgendwie das Ergebnis einer Radikalisierung, nachdem verschiedene NS-Instanzen sich darüber uneins waren, dass die Juden doch auswandern mögen, das sei ihnen doch ermöglicht worden. Dass welche umkamen – shit happens. Sagt das, und zuckt cool die Schultern. Außerdem, der NS-Staat war sehr wohl rechtsstaatlich, womit sie ja auch recht hat, zum Teil, aber sie nimmt das, um zu sagen, dass die Gestapo keineswegs per se verbrecherisch war. Und erstmal müsse man ja fragen (dürfen!), ob Zwangsarbeit überhaupt ein Verbrechen sei … Und dann lamentiert sie noch, dass sie nicht ernst genommen werden würde, und das mit den Juden, dass muss man sich schon fragen, ob die überhaupt in unseren Kulturkreis gehören, oder „seht Ihr in Deutschland irgendwo Synagogen?“ Das … hat sie als Frage tatsächlich in den Raum geworfen.
Nun, wie gehen 30 Seminarteilnehmer um mit so einem Scheiß? Gut, selten haben Studierende die Chance, ihre Thesen lang und breit darzulegen, dafür hatte der Dirndlbaum dann reichlich Raum und letztendlich chargierte der Kurs zwischen Plattform-bieten und Sich-an-ihr-abarbeiten. Über einen Seminarrauswurf hätte sie sich sicher noch gefreut, das merkte man, als sie immer wieder die Tabu-Keule schwang. Aber irgendwie hätte ich mich auch gefreut, wenn sie hätte gehen müssen. So nämlich bekam das Seminar doch Bastel-Charakter, aber vielleicht war der mal gut: im Seminarrahmen üben, wie man gegen Rechts-Parolen vorgehen kann, zumal wenn man LehrerIn wird. Da es an der Uni ja häufig an linkem Diskussionsumfeld fehlt und viel zu viel Mist durchgehen kann, war’s vielleicht eine didaktische Übung.
Um die fortzuführen, verweise ich für diese Thematik, die man nicht hochwissenschaftlich angehen muss, sondern die ins allgemeine Diskussionsrepertoire nicht nur für Geschichtsunterrichtende (sondern z.B. auch für die Deutsch-KollegInnen) gehört, an dieser Stelle auf den Wikipedia-Eintrag zum Thema Holocaustleugnung sowie auf den Klassiker „In Auschwitz wurde niemand vergast. 60 rechtsradikale Lügen und wie man sie widerlegt“. http://www.amazon.de/Auschwitz-wurde-niemand-vergast-rechtsradikale/dp/3860722751
Vielleicht gibt’s dann weniger kaltschnäuzige Runterrechnungen für diesen systematischen Massenmord, für den es letztlich keine so große Rolle spielt, ob es ein (überliefertes) Dokument eines „Führerbefehls“ gab/gibt.

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