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Der immer noch amtierende Bundespräsident Wulff hat dem Volk in seiner Weihnachtsansprache mal wieder gestattet, „stolz“ sein zu können, „stolz“ zu sein auf das eigene, auf Deutsch-Land.

Nun, wie immer bei der Frage um den „Stolz auf’s Deutsche“ und dem hierzulande eben damit einhergehenden Lamentieren darüber, dass die böse Moral- oder Demokratiepolizei einem den deutschen Stolz ja immer noch verbiete, frage ich mich, wonach man sich da eigentlich sehnt, wenn man wiederholt ausruft, dass man als Deutscher ja schließlich stolz sein könne und müsse, und dass einem das niemand verbieten dürfe.
Mir persönlich fehlt es da offenbar an Nachverstehenskraft, es will mir einfach nicht gelingen, auszumachen, wonach sich gesehnt wird, wenn sich Stammtischler mal wieder danach sehnen, die deutsche Flagge raushängen zu dürfen. „Nationalstolz“, und vielleicht gar nicht nur der eventuell deutsche, erscheint mir als ein Phantom, der nur so lange wertvoll ist, solange er als abstinent beklagt werden kann, der sich jedoch alsbald verflüchtigen würde, sobald sich der Ruf, er möge nun endlich gestattet werden, erfüllt.

Sicher, eine Sozialisation in Japan mag anders verlaufen als die hiesige, eine deutsche Identität lässt sich demzufolge nicht allerorts abschütteln. Was aber soll mich mit einem Gefühl der Ehrsinnigkeit ausstatten, wenn es um meine nationale Herkunft geht? Umweltstandards , die in Deutschland anders gelten als anderswo? Deutschland als Wirtschaftsstandort? Beide Beispiele suggerieren, dass Umweltfragen oder eben Wirtschaft an den deutschen Grenzen enden würden und nicht global eingebunden seien. Ulrich Beck schreibt: „Die Theorie der Identität von Gesellschaft und Politik, die davon ausgeht, daß wir nach wie vor in klar gegeneinander abgegrenzten, nationalstaatlich organisierten Containern leben, mitfühlen, denken, uns und die Anderen erfahren, wird historisch falsch.“
Es mag dabei fraglich sein, ob diese klare Abgrenzung jemals so bestanden hat. Festzuhalten aber wäre, dass Identität sich aus vielerlei Dingen zusammensetzt, es einen „Kern der Identität“ jedoch so nicht gibt, und wenn überhaupt, dann wäre dieser Kern schon gar nicht national definiert. Eher sehe ich mich selbst als Student oder Arbeiter, als Leser, als Reisender, als Photograph. Aber eben nur irgendwann zuletzt als „deutsch“. Der Ruf nach dem mit einer deutschen Identität verbundenen Stolz liegt mir also ziemlich fern.

In ihrer Neujahrsansprache hat die immer noch amtierende Kanzlerin das „Wesen“ des oder der Deutschen fast queer definiert, indem sie nämlich Heinrich Heine zitierte: „Die Deutschen, das sind wir selber.“ Und da ja jede/r wohl ein Selbst hat, und die Kanzlerin dieses Selbst nicht beschränkt hat, kann jeder Mensch sich dann wohl aussuchen, ob er oder sie „deutsch“ sein mag oder nicht. Und wenn er oder sie dann die „deutsch-deluxe“ Variante wählen möchte inklusive „Nationalstolz“, der sich einem wie ein geisterhaftes Phantom an die Backe heftet, dann soll das so sein, Identitäten sollen bitte alle selber basteln dürfen.

Auf meinem Wunschzettel allerdings steht auch im neuen Jahr kein Stolz-Phantom.

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