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Was jetzt hier besprochen wird, ist nichts Aktuelles. Wer sich also eher zu den Neuerscheinungen belesen will, der sei auf die heute beginnende Buchmesse oder auf Juliette Benschs Betrachtung zum halbwegs aktuellen Buchmarkt verwiesen. Hier jetzt allerdings geht es weiterhin um Adornos und Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“, und diese ist nicht nur ein Werk, das positiv auf einen – wie auch immer gearteten – Begriff von Wahrheit rekurriert, sondern das es sich erlauben muss, auf (richtige) Fußnoten und ein Literaturverzeichnis zu verzichten, für eine halbwegs moderne Abhandlung eventuell ungewöhnlich, aber zumindest spart man sich das endlose Blättern – wo keine Fußnote, da muss man sich auch keine extra Mühen machen. Oder so ähnlich.

Der Verzicht auf Verweise jedoch deutet auf den Entstehungszusammenhang des Buches hin: Die DdA ist für einen Kreis Eingeweihter geschrieben, Leute, die ohnehin schon wussten, auf wen und was die Autoren da anspielen, wenn sie von der „apologetischen Schule Comtes“ im (teilweisen) Gegensatz zu den „unversöhnlichen Enzyklopädisten“ sprechen. Dem Unbedarften allerdings verlangt dies nun doch einiges an Mühe ab. Enzyklopädisten – nein, hier sind nicht die zahllosen Wikipedia-Autoren gemeint  – obwohl hier u.U. die vergleichende Frage gestellt werden könnte, ob auch die Wikipedia-Schreiberlinge, ähnlich wie die Enzyklopädisten, den Versuch angehen wollen, ein Standardsammelsurium über alles Wissen der Welt zu verfassen. Voltaire hatte dies versucht; er wollte Wissen sammeln, es jedoch nicht klassifizieren.

Und Comte? Comte gilt als Begründer der Soziologie, und nun sei an dieser Stelle Wikipedia zitiert: er orientierte sich an „harten Fakten“ und nachgewiesenen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Dies rückt ihn zweifelsohne in die Kategorie der Positivisten, über welche sich Adorno und Horkheimer ja bereits im Vorwort zur (mir vorliegenden) Neuausgabe ausgelassen haben. Die Positivisten jedenfalls sind zu einem mächtigen Anteil mit daran schuld, dass die Wissenschaft den Bach runter ginge, so Adorno und Horkheimer in salopper Übersetzung.

Horkheimer und Adorno haben nun ihre Schwierigkeiten mit dem sie umgebenden Wissenschaftsbetrieb, und diese Schwierigkeiten gehen über den zeithistorischen Kontext hinaus, in welchem sie schreiben. Der Kontext zwingt sie, in die Vereinigten Staaten zu emigrieren; dort schreiben sie in einem kleinen Klüngel interessierter Deutschsprachiger Theoretiker weiter; ihre Arbeiten wollen sie nicht übersetzen, und dies hängt auch mit einer Kritik am US-amerikanischen Universitätsbetrieb zusammen. Adorno und Horkheimer sehen die akademische Freiheit gegen die in den USA üblicher werdende Auftragsforschung gestellt; der Gedanke wird zur Ware, schreiben sie. Das, worauf der Wissenschaftsbetrieb zuläuft, kritisieren sie, und wollen sich daher nicht an die Regeln des Wissenschaftsbetriebs halten.

Was aber kann Wissenschaft noch sein, wenn sie sich doch lösen soll, von dem Gängigen, wenn sie den Apologeten, den Verteidigern des Bestehenden, oft  den Verteidigern der Macht, entgegentreten soll? Hier kann die Antwort erst mal nur kursorisch sein: Wissenschaft, für Adorno und Horkheimer, bekennt sich zur Wahrheit. Und: es gibt ihn, den wahrhaftig menschlichen Zustand, der Mensch wird immer besser, zumindest im utopischen Sinne.

Die Autoren setzen für ihre Herangehensweise an Wissenschaft, die sie in der DdA darlegen, eine erst mal unbewiesene Prämisse voraus, die sozusagen den Plot der DdA darstellt: Das Weltgute ist nur mittels Vernunft erreichbar, nicht durch Aberglaube, Esoterik oder politische Ideologien. Die Aufklärung ist dabei ein widerspruchsvoller Prozess – im Begriff der Aufklärung selbst liegt ein innerer Widerspruch, wobei Aufklärung durchaus davon ausgeht, dass alles schöner, klarer, besser wird. In dem Sinne geht Aufklärung von einer Bewegung aus, einer linearen Verbesserung.

Selbiges ist m.E. nicht nur von der Aufklärung als real existierendem Weltgeschehen zu erwarten, sondern eben auch von der DdA. Sind wir also gespannt auf den Fortgang des Buches, in dem als nächstes eine konkrete(?) Betrachtung des Aufklärungsbegriffes ansteht.

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