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Günter Grass hat die Grenzen der Kunst all zu weit gedehnt.
Einige Erläuterungen zum Antisemitismus in seinem „Gedicht“

Denjenigen unter uns, die mit Eltern gesegnet sind, deren kulturell-intellektuelles Interesse über Jappy, Barbara Salesch und die Märkische Oderzeitung hinausgeht, steht womöglich ein schwieriges Oster-Heimbesuchungs-Wochenende bevor. Dass nun nämlich die nicht unwahrscheinliche Lieblingslektüre des Vaters zum Disput steht – das ist wiederum sehr zu vermuten. Nach Martin Walser nämlich hat sich schon wieder ein deutscher Dichter unmöglich gemacht. Mag sein spätes Bekenntnis zur Mitgliedschaft in der SS vielen noch als entschuldbar erschienen sein, als jugendlicher Leichtsinn mit Zwangsläufigkeit gerechtfertigt, mögen wir bei seiner Offenbarung, oder auch bei Walsers Entgleisung, uns nicht fit genug gefühlt haben, den elterlichen Lieblingsdeutschen zu widersprechen, so ist der in Grass‘ „Gedicht“ enthaltene Antisemitismus wahrlich eklatant, dafür aber schon fast herrlich deutlich, so dass man ihn als Enzyklopädie-Eintrag benutzen könnte, oder als Lehrbuchtext, Eintrag: Definition des Anti-Semitismus‘.

Eine Schreibübung, wie sie der NPD gefallen kann

Fast scheint es, als hätte Grass in einem Übungsbuch von NPD-Anhängern gestöbert, und sich, um Aufgabenstellungen des Kreativen Schreibens bemüht, an folgende Aufgabe gemacht: Schreibe einen Text, der möglichst alle Elemente moderner Judenfeindschaft innehat. Gut, man möchte dem deutschen Dichter gern einen Volkshochschulkurs ans Herz legen, in dem die Dichterei noch einmal eingeübt werden mag, auf dass dem schriftstellerischen Schaffen weniger Entgleisungen folgen mögen. Nun, Herr Grass hat nun leider zumindest den völkischen Teil des VHS-Kurses schon mit Bravur gemeistert. Ein bisschen allgemein-notwendige Bildung in Bezug auf Israel-Palästina und den Iran wäre ihm zu wünschen, so aber sind seine Zeilen einerseits gekennzeichnet durch himmelschreiendes Blindstellen sowie andererseits durch … ja, was: Hass? Selbstbeweihräucherungsgebahren? Was auch immer Grass angetrieben hat – was ihm – leider willentlich – entrutscht ist, ist kein Gedicht, sondern vielmehr ein weiteres Kapitel deutscher Schuldgeschichte.

An dieser Stelle sei nun das leidige „Ich war’s nicht, Adolf Hitler und die Großeltern sind’s gewesen“ ausgespart, auch sei dem elendigen „Wir sind doch viel zu jung, um Schuld zu tragen, nun muss doch aber Schluss sein“ kein weiterer Platz mehr eingeräumt. Es soll vielmehr ein kursorischer Blick auf den heute üblichen Antisemitismus geworfen werden, sofern er nicht schon an Grassens Beispieltest zur Genüge deutlich geworden ist.

Der Konflikt um Israel-Palästina lässt sich sowohl als symmetrisch, demnach als nationaler, wie auch als asymmetrischer, nämlich kolonialer Konflikt beschreiben. Dan Diner konstatiert in „Neuer Antisemitismus“, der Konflikt sei beides zugleich. Er sieht dabei 3 Varianten des Selbstverständnisses für die Palästinenser:

1. eben als Palästinenser,
2. als Araber,
3. als Muslime.

Dabei wäre eine nationale, eine 2-Staaten-Lösung, nur auf der ersten Ebene, in der die Palästinenser von sich selbst ein national-geprägtes Selbstverständnis zeigen, möglich. Soviel als Nebensatz.

Israel, die Juden und die verwerfliche Gewaltanwendung

Bei aller Gewalt, sei sie im jeweils aktuellen Fall von den Palästinensers provoziert und den Israelis beantwortet, oder sei Israel zu einer Vorab-Verteidigung gezwungen, immer, so Diner, wird den Juden abgesprochen, legitime Gewalt auszuüben. „Der Jude“ gilt per se als gewaltvoll, im Mittelalter vergiftete er die Brunnen, woran jetzt, zum Pessah-Fest gern wieder „erinnert“ wird – Erinnerung deshalb in Anführungszeichen, weil es am zu erinnernden Event mangelt, „die Juden“ als Religion oder „Volk“ vergifteten keine Brunnen, und sie schlachteten keine kleinen Kinder, um deren Blut als Gewürz für ihre Speisen zu nutzen. Dennoch wird ihnen die Ausübung verwerflicher Gewaltanwendung angelastet – der atomare Erstschlag, so Grass, geht mit Sicherheit von Israel aus.

Und hier vielleicht ist es schwierig, den klassischen Antisemitismus von seiner ge-updateten Variante zu unterscheiden: Der „eigentliche“, alte, Antisemitismus ist nämlich nach dem Holocaust nicht mehr so einfach auszusprechen; er muss sich in verschleiernde Mäntelchen kleiden, sich halbwegs verstecken – und immer Israel, die Zufluchtsstätte der dem Holocaust Davongekommenen, als Bezugs- und Angelpunkt benutzen.
Grass vermischt beides: Er benutzt das Bild „verwerflicher Gewaltanwendung“ und wendet es auf Israel an – die alte Judenfeindschaft im Gesicht des heute üblichen Anti-Zionismus.

Es wird dabei immer wieder dasselbe Lied heruntergespult: Gerade die Juden müssten es doch besser wissen. Doch:
„Die Bösartigkeit dieses „Arguments“ hat viele Facetten. Es insinuiert, dass die Israelis die Palästinenser in gleicher Weise behandeln, wie die Nazis die Juden behandelt haben, und dass die Palästinenser ebenso unschuldig sind, wie es die Juden Europas waren. Während ganz einfach übersehen wird, dass die Juden niemals ihre Folterknechte töteten, entschuldigt man die palästinensischen Verbrechen als Reaktion auf die Verfolgung. Alle diese Argumente lassen nur eine Schlussfolgerung zu: Da die Juden sich störrisch weigern, sich anständig zu benehmen, hat der Zionismus offenkundig versagt und muss vernichtet werden.“ (Y. Lozowick: Israels Existenzkampf. Eine moralische Verteidigung seiner Kriege, S. 50.)

Wer immer noch die Hand vor Augen nicht sieht, dem seien die folgenden 4-D’s an die selbige gereicht: „Israelkritik“ ist nicht zwangsläufig antisemitisch, Israel darf (und muss zuweilen) kritisiert werden. Mischen sich in die vermeintliche „Kritik“ jedoch Doppelstandards, Anzeichen von Dehumanisierung, Deligitimierung oder Derealisierung, dann muss eindeutig von Antisemitismus ausgegangen werden, dann „darf“ von berechtigter Kritik nicht mehr die Rede sein, es sei denn, man ist gewillt, im nächsten Augenblick allen Ernstes darzulegen, die Sonne sei eine Scheibe und drehe sich um den Pluto.

Schuldgeschichte

Nun, auch einem Blog-Eintrag als doch sehr freier Publikationsebene sind Grenzen gesetzt, hier die des Raumes und der Aufmerksamkeitsspanne. Dem kursorischen Überblick mögen alsbald weitere Betrachtungen folgen; hier nun erstmal bricht der Beitrag ab. Es sei aber festgehalten, dass, indem wir mit diesem krassen Gedicht erneut ein „Meisterwerk“ des Antisemitismus gesehen haben, eben wirklich ein neues Kapitel deutscher Schuldgeschichte geschrieben wurde. Wir können jahrelang leugnen, in der SS gedient zu haben, oder können Kinder der Nachkriegskinder sein, und erst lange nach 1945 irgendwelche Windeln vollgeschissen haben: Dieser Geschichtsrelativismus, dieser Abwehrantisemitismus, der Hass auf „die Juden“ gerade wegen Auschwitz, lädt neue Schuld auf all jene, die sich dieser blinden Hasstiraden verschreiben. Wollen wir hoffen, dass Grass’ Kapitel ein Manuskript bleibt, und die ihn Lesenden ihm nicht zum Verleger werden.

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