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„Aber kannst du mir in eigenen Worten zusammenfassen, was dich dabei so erzürnt?“, „Ist Israelkritik per se antisemitisch?“, „Aufpasser: @majaschwarz.wordpress.com: Es wäre besser gewesen, Sie hätten hier geschwiegen. „ , „Danke für Deinen Blogbeitrag. Doch wo finde ich dort den konkreten Bezug auf das Gedicht mit entsprechendem Zitat der vermeintlich antisemitischen Stelle?“

Eine Antwort auf „Ein Kapitel, kein Gedicht“

Dies ist erstmal nur ein kleines Potpourri der Reaktionen, die mich in Bezug auf meinen Blogbeitrag zum Gedicht von Günter Grass erreichten – nicht als Kommentar auf dieser Seite, dafür via Facebook, als Kommentare in anderen Foren, so unter anderem dem der im Blog erwähnten Märkischen Oderzeitung.
Nun, wie nun darauf reagieren? Bisher waren alle meine Blogbeiträge relativ „sachte“, auf diesen ernte ich nun heftige Kritik, so dass ich fast zurückrudern möchte – nicht inhaltlich, aber doch ob der Vehemenz einiger Kommentare, die – „Es wäre besser gewesen, Sie hätten hier geschwiegen.“ – zwischen Polemik, Anfeindungen und einem Widerwillen, sich hineinversetzen zu wollen, hin- und her schwanken. Aber ich weiß auch, diese Widerstände gilt es auszuhalten, kleinbeigeben wäre jetzt falsch, deswegen also will ich meinem ersten Beitrag einen weiteren folgen lassen, in dem meine Kritik vielleicht deutlicher wird.

Da jedoch vieles bereits geschrieben wurde, von Leuten, die das freilich sehr viel besser können als ich (und die dafür bezahlt werden), hier eine kleine Sammlung meiner (online-verfügbaren) Lieblingstexte zum Thema:

– Eine textnahe Interpretation des Gedichts gibt es in der FAZ.

– Der Faktencheck zum Gedicht hier.

– Eine Einführung in die Kritik des Antisemitismus als Podcast zum praktischen Jogging-Begleiter gibt es hier.

(Der Vortrag gibt einen Überblick über die Geschichte des Antisemitismus, er dokumentiert Elemente alter und neuer Judenfeindschaft und zeigt auf, wie Antisemitismus sich heute äußert, und warum es immer noch gilt, gegen ihn vorzugehen. (Außerdem wird hier auf die in meinem Beitrag angesprochenen 4D’s eingegangen.))

Vorsatz oder Versehen?

Judith Butler diskutiert in ihrem Essay „Der Antisemitismus-Vorwurf. Juden, Israel und die Risiken öffentlicher Kritik“ (in: Neuer Antisemitismus? Hrsg: Doron Rabinovici u.a.) einen effektiven Antisemitismus im Unterschied zum intentionalen. Sie führt dieses Begriffspaar nicht selber ein, sondern sieht es bei Lawrence Summers, dem ehemaligen Präsidenten der Harvard-Universität. Diesen zitiert sie folgendermaßen:

„In Kreisen fortschrittlicher Intelektueller finden zutiefst antiisraelische Ansichten zunehmend Unterstützung. Ernsthafte und nachdenkliche Menschen befürworten und unternehmen Aktionen, die in ihrem Effekt, wenn nicht ihrer Absicht nach antisemitisch sind.“

Nehmen wir dieses Zitat und die Unterscheidung zwischen vorsätzlichem Antisemitismus und solcher Judenfeindschaft, die aus Versehen geschieht, mal genauer unter die Lupe. Unterstellen wir also Grass um des Gedankenspiels wegen an dieser Stelle, er habe sich nicht intentional gegen Juden geäußert, er sei wirklich nur falsch verstanden worden, oder habe sich einfach nur ein bisschen blöde ausgedrückt. Gut. Dennoch geht es in Sprechakten – und ein Gedicht als eine Form sprachlichen Ausdrucks kann als solch ein Sprechakt verstanden werden – nicht nur um den Sender, sondern auch um den (vermeintlichen) Adressaten, den Hörer bzw. Empfänger. Das, was beim Hörer/Leser ankommt, hat seine Berechtigung, eine Nachricht konstituiert sich als solche nicht eben nur im Moment des Geäußert-Werdens, sondern auch durch seine Rezeption. Grass, wie jeder andere Sprecher auch, muss für seine Äußerungen Verantwortung übernehmen, und genau beobachten, wie seine Nachricht interpretiert wird, da sie zur Nachricht nicht allein durch seine Äußerung wird, sondern (auch) erst durch den Gegenspieler, den Empfänger ihren Sinn … erhält bzw. entfalten kann. Wenn dann etwas schief geht, wenn einer sich missverstanden fühlt, wenn es zum Streit kommt, dann wird man, auf ganz banaler Ebene gedacht, nicht einfach nur dem Empfänger über’s Maul fahren und ihm die Schuld an schwieriger Kommunikation zuweisen wollen, sondern sich das Zusammenspiel von Sender und Empfänger ansehen. In der FAZ liest sich das so:

„…was er auf der Aussageebene verneint, suggeriert er auf der Assoziationsebene.“

Das heißt, das Gedicht lässt sich nicht einfach durch die tatsächlich verwendeten Worte interpretieren, es müssen vielmehr auch die dazugehörigen Assoziationen mitbedacht werden. „Überleben“ und „Überlebende“ kann dabei nicht losgelöst von der Geschichte des Holocaust betrachtet werden, er ist immanent in einem Gedicht, das sich so sehr mit der deutschen Geschichte (und eben weniger Israel und dem Iran) auseinandersetzt.

Aber öffnen wir den Blick weiter: Eingebettet in seinen Kontext liest sich das Zitat folgendermaßen:

„Hier geht es nicht mehr um Israel und Iran, hier geht es darum, endlich die Chance zu ergreifen, einen Rollentausch vorzunehmen. Natürlich nennt er die deutschen Verbrechen „ureigen“ und „ohne Vergleich“. Aber was er auf der Aussageebene verneint, suggeriert er auf der Assoziationsebene. Die Wortfelder, die Grass aufruft, vom Überlebenden bis zur Auslöschung eines Volkes, was nichts anderes als Holocaust heißt, sind eindeutig.“

Und ganz nachzulesen ist es in dem oben bereits verlinkten Artikel.

Unser Bild vom Hörer

Wenn wir nun aber vom Hörer sprechen, dann haben wir auch hier Bilder im Kopf. Wen stellen wir uns vor, als den- oder diejenige, die ein Gedicht liest, und es eventuell als antisemitisch auffasst? Vielleicht imaginieren wir uns einen Juden, der sich angegriffen fühlt, auf den Schlips getreten. Vielleicht stellen wir uns Israel vor, das als Reaktion ein Einreiseverbot verhängt. Doch wer oder was ist dieser Jude, und auch: wer oder was ist dieses Israel, das wir vor Augen haben, wenn wir uns hineinversetzen wollen in den Empfänger von „Was gesagt werden muss“?

Alle möglichen Antworten können nicht richtig sein, arbeiten sie doch mit Mutmaßungen, mit Spekulationen, mit einem Bild vom anderen. Die Juden per se, die Israelis, oder auch: einen Staat Israel, der eine monolithische Reaktion auf das Gedicht zeigen kann, gibt es nicht. Wir können versuchen, empathisch zu sein, etwas, das unabdingbar ist in komplizierten Lebenslagen. Aber gleichzeitig öffnet sich eine weitere Ebene der Kompliziertheit: Die Frage von Identität, und wen wir mit was gleichsetzen. Judith Butler diskutiert dies im weiteren Verlauf ihres Artikels, sie geht ein auf eine antisemitische Verkürzung des Judentums auf israelische Interessen, und diskutiert damit die unmögliche Gleichsetzung von Juden mit Israel. Aber hier sind wieder die natürlich gegebenen Grenzen eines Blogs erreicht; die Frage von Identität, von der Unterschiedlichkeit von Antisemitismus und Anti-Zionismus (die auf andere Art und Weise noch einmal deutlicher werden lässt, was legitime Israel-Kritik ist) muss vertagt werden. So – stay tuned.

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