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In rekreationsbedarfender österlicher Manier watscheln wir in Vierergruppe die Schorfheide entlang – schließlich muss man tätig sein, und Punkt.

Im zaghaften Versuch, sich fordernder Konvention und dem Zerren terminlicher Knechtung zu entsagen, alles ja unter der Vorhut, sich nicht auch noch selbst zu disziplinieren, plane ich ein ordentliches Zuspätkommen ein. 10.31 statt 10.29. Das ganze ist ja eine Wanderung, keine Not-OP.

Das aber sieht der Nach-Schorfheide-Zug der deutschen Bahn, der sich ängstlich auf dem S-Bahngleis tummelt und vor der ranrauschenden Stadtbahn türmt, anders – um wohl einer Not-OP zu entgehen, fährt er lieber schon mal los. Um 10.29 nämlich. Und M. und ich kommen dann eben 2 Minuten später, nun, knechtende Zungen behaupten: Zu-hu-hu spät. Mit der Stadtbahn nämlich, die der kleinen deutschen Bahn so fürchterliche Angst einjagt.

Naaaajaaaaa, man kann ja auch anders in die Schorfheide kommen. Man steigt nur 8 mal mehr von einem kleinen Kleckerzug in einen anderen, das ist schlimmer als wie Stadtbahnfahren. Aber dann sind wir auch da. Und dann wandern wir halt und wandern und …

Eigentlich ist die Strecke ja schon eher öde. Es wirkt beinah, als sei uns der Pfad, den wir entlang schlottern, vor die Körper gebunden, und als müssten wir seine schwere Last, die uns merklich Kräfte raubend die schmalen Schultern nach unten zieht, vor uns her balancieren.

Der Weg klappt sich ächzend und tonlos vor uns aus, und wir schieben die Kilometer achtlos und schweigend vor uns her.
Ich gehe neben Herrn L., wie immer bis zur palatalen Lähmung beeindruckt von dem, was er so weiß. Satzweise sprechen wir über Existenzielles, während T. vor uns den Marschton diktiert, und gut und heiter aufgesagte Phonetikbrocken (unsererseits), mal melodiert, mal gereimt, mit gelbem Zuckerwerk konditioniert. Unser eloquentes Zur-Schau-Stellen unseres kulturellen Kapitals kulminiert im Tagesreim – die ‚Question of the Day – which way?’ – ein Hochpunkt, aber auch: Zeichen schrecklicher Verirrtheit: Zur Hölle, wo geht’s denn nun wieder lang? Nochmal runter zum See, wo der Wind garstig um unsere Gesichter atmet?

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Klirrend vor Kälte, gemagert, ohne Schokolade, müde, und doch stolz ob dem, was wir vollbracht, erreichten wir mit Einbruch der Dunkelheit das Groß-Schönebecker-Ortseingangsschild. Höhnisch wie 6 Euro fünfzig, unter Tarif, liegt der Ort inmitten brandenburgischer Einöde vor uns da, das erwartbare Ergebnis eines selbst noch produktiven bonusalen Freizeitvergnügens.

[Dieser Text erschien am 26.03.2008 unter kleinerPUNK.blogg.de. Mit freundlicher Genehmigung der Autorin.]

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