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Wie eine Lesecommunity names „BookCrossing“ unsere Lesegewohnheiten beeinflussen kann.

Ein Interview mit der BookCrosserin LAKRITZSCHNECKE

Vor ein paar Tagen hat MajaSchwarz über die Berliner BookCrossingUnConvention berichtet. An dieser Stelle folgt nun das versprochene Interview mit einer BookCrosserin, die schon etliche Zeit tief in der Szene verankert ist.

Hallo Lakritzschnecke, magst Du uns ein paar Dinge über Dich erzählen? Wie alt bist Du, was machst Du so?

Ich bin eine weibliche Mittzwanzigerin, die sich gern vom geschriebenen Wort verführen lässt. Außerdem bin ich eine Naschkatze. Neben Lakritzschnecken habe ich auch ein Faible für Schokolade und – vor allem jetzt im Sommer – Eis. Wenn ich mal groß bin, werde ich mir eine Geschirrspülmaschine kaufen und verreisen.

Seit wann bist Du denn beim BookCrossing dabei?

Eine gefühlte Ewigkeit. Nächsten Februar feiere ich sage und schreibe meinen achten Bookcrossing-Geburtstag.

Wie viele Bücher hast Du denn schon in die freie Wildbahn entlassen?

Ich habe früher mal eine ordentliche Statistik geführt. Da hätte ich dir sogar sagen können, wie viel Prozent meiner ausgesetzten Bücher gefunden wurden. Irgendwann habe ich damit aber aufgehört. Das System führt ja eigentlich auch automatisch eine Statistiken für die User. Ich schaue da im Normalfall nie hin. Jetzt steht da aber etwas von knapp über 300 wild ausgesetzten Büchern.
Wow! Hast Du die auch alle gelesen?
Alle nicht, nein. Die wenigsten von den Wildnisbüchern wahrscheinlich.

Und wie viele hast Du gefunden?

Ich würde mal behaupten kein einziges. Natürlich habe ich ‚offiziell’ Bücher gefunden, weil sie jemand auf einem Meetup ausgesetzt oder mir per Post geschickt hat. Letztlich ist das aber keine Kunst. So ein richtig wildes Buch kam mir noch nicht unter. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf.

Was würdest Du als den ungewöhnlichsten Ort bezeichnen, an dem Du je ein Buch ausgesetzt hast?

Besonders ungewöhnlich waren die wohl alle nicht. Es sind hauptsächlich Parkbänke und öffentlicher Nahverkehr. Woran ich mich aber gern erinnere: ich habe mal ein Buch in einem öffentlichen Schließfach abgelegt. In der digitalen Release Note habe ich die exakte Nummer des Schließfachs angegeben. Jemand hat das dann tatsächlich gejagt und gefunden, was mich sehr gefreut hat.

Warum machst Du denn das Ganze?

Gewohnheit?
Nein, ich finde es spannend und interessant. Eben weil man den Weg eines Buches aus der Ferne (übers Internet) verfolgen kann (sofern denn Einträge gemacht werden). Es ist quasi immer die Chance dabei, dass irgendwann, ganz unverhofft, ein Journaleintrag zu einem Buch kommt, womit man gar nicht mehr gerechnet hat. Stell dir mal vor, ich bekäme nach Jaaahren mit, was mit einem Buch von mir passiert ist, das ich mal auf Wanderschaft geschickt habe. Vielleicht ist es in Timbuktu gelandet und wird seitdem von jemandem geliebt. Wilde Bookcrossing-Bücher sind Geschenke an Fremde. Man sammelt gutes Karma, behauptet das Bookcrossing-Marketing. Es ist einfach ein schöner Gedanke, dass sich irgendjemand über dieses unverhoffte Geschenk freuen wird. Denn auch wenn man sich nicht kennt, wenn dieser jemand ein_e Buchliebhaber_in ist, kann er/sie kein wirklich schlechter Mensch sein. Wenn aber jemand mein Buch findet, der oder die vorher kein_e Buchliebhaber_in war und durch mich das Lesen für sich entdeckt, was für einen Beitrag habe ich dann erst für den Literaturbetrieb geleistet!

Du warst auch auf der Berliner UnConvention. Wie hat es Dir dort gefallen?
Irre gut! Bookcrosser sind – ich pauschalisiere hier einfach mal – unglaublich herzliche, umgängliche Menschen. Das hat zumindest meine Erfahrung gezeigt. Es ist interessant mal die Gesichter zu den Leuten zu sehen, von denen man vielleicht den Nickname kennt, mit denen man vielleicht schon virtuell Kontakt hatte. Natürlich waren alle auch ganz gut drauf, weil sie sich auf dieses Treffen gefreut haben. Es war eine sehr schöne Stimmung. Dabei, scheint mir, ist es völlig irrelevant wie alt du bist oder welches Geschlecht du hast. Bookcrosser sind fast wie eine große Familie. Ich hätte ja nie gedacht, dass ich mal zu so etwas gehen würde, aber ich habe wirklich Geschmack daran gefunden. Wie sagte ich doch in Frage eins: Wenn ich groß bin, verreise ich mal (zu einer anderen UnConvention z.B.).

Ist das kostenlose Weitergeben von Büchern nicht auch ein bissel wie das Brennen von CDs – Klau am geistigen Künstlereigentum?

Nein, das Brennen von CDs steht dazu im Verhältnis wie das Kopieren von Büchern. Und mal ehrlich, überlege mal, wie viel Geld und Zeit du im Copyshop lassen würdest, wenn du ein Buch kopieren würdest. Dann hättest du am Ende auch noch nicht mal einen Lesegenuss, weil die Seiten gar nicht gebunden sind. Dafür könnte man sich das Buch vielleicht fast schon neu kaufen. Anders ist das natürlich mit der E-Book- oder Audiobook-Piraterie. Das ist eine fiese Sache, die unbedingt bekämpft werden muss.

Aber zurück zu Deinen Bedenken, die ja durchaus berechtigt sind. Wenn ich ein Buch innerhalb der Bookcrossing-Community weiterreiche, hat der Autor oder die Autorin ja nicht wirklich etwas davon. Möchte man meinen. Wenn einem ein Buch aber gefallen hat, wird man es im Freundes- oder Bekanntenkreis weiterempfehlen, verschenkt es vielleicht mal bei Gelegenheit (kauft also ein Original). Mundpropaganda ist nicht zu unterschätzen. Vielleicht hat es einem auch so sehr gefallen, dass man für sich selbst noch eine Ausgabe haben möchte, die nicht bei Bookcrossing registriert ist. Man liest immer mal wieder, dass Bookcrosser (z.B. zu ihrem BC-Geburtstag) einen ausgeben und Bücher neu kaufen.

Außerdem habe ich gehört, dass Bookcrossing einfach dazu verleitet, sich noch mehr mit dem Medium Buch zu beschäftigen bzw. noch mehr zu lesen als vorher. Das heißt, man kauft womöglich auch mehr neue Bücher (oder lässt sie sich schenken).

Man sollte auch bedenken, was ich häufig von Bookcrossern höre: nämlich, dass sie durch Bookcrossing mal auf Bücher oder Genres aufmerksam geworden sind, denen sie vorher keine Beachtung geschenkt haben oder hätten. So ist Bookcrossing also immer auch eine Chance für Autoren, mal ein anderes Publikum zu erreichen.

Wenn man Bookcrossing, also die Weitergabe von gelesenen Büchern, kritisiert, müssten auch andere Systeme auf dem Prüfstand stehen: Antiquariate, online-Auktionshäuser und -Tauschbörsen, Flohmärkte. Und diese Systeme, die auch gebrauchte Bücher weitervermitteln, sind seit Ewigkeiten etabliert und akzeptiert.
Aber natürlich muss jeder Bookcrosser für sich selbst verantworten, wie er mit der Plattform und dem Gedankengut von Künstlern umgeht. Ich denke, die meisten reflektieren dies durchaus. Ansonsten: jeder nach seinen Möglichkeiten.

Wie stellst Du Dir die Zukunft von BookCrossing vor, und wie die Zukunft des Büchermarkts insgesamt?

Eine spannende Frage. Wenn man Prognosen Glauben schenken darf, werden E-Books noch durch die Decke schießen. Erste Tendenzen sind bereits sichtbar. Das finde ich schade, denn ich bin Fan vom Buch als haptischem Objekt, mit Geruch, mit dickem und dünnem Papier, mit Bleistiftgekritzel drin.

Nichtsdestotrotz haben ja auch E-Books ihre Vorteile (z.B. Übersetzungstools oder Suchfunktionen im Text, die v.a. fürs wissenschaftliche Arbeiten eine Erleichterung sein dürften). Wahrscheinlich wird es ein Hand-in-Hand vom haptischem und dem digitalen Buch geben. So wie es noch CDs, aber auch digitale Musik gibt oder Radio und Fernsehen gleichermaßen. Langfristig gesehen wird es wahrscheinlich trotzdem eine Tendenz zur digitalen Welt geben. Vielleicht wird Bookcrossing daher an Bedeutung und Mitgliederzahlen verlieren. Vielleicht wird es aber auch gerade deshalb ein Retro-Projekt von Bibliophilen, die die Digitalisten wieder an das gute alte Buch erinnern. Wir werden abwarten müssen.

Vielen Dank für das Interview!

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Ein Kommentar zu “Vom Buch als haptischem Objekt

  1. Hi Lakritzschnecke,
    Zitat: „ich bin Fan vom Buch als haptischem Objekt, mit Geruch, mit dickem und dünnem Papier, mit Bleistiftgekritzel drin.“
    Das hast Du schön „gesagt“ !
    Liebe Grüße

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