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Über Joyce Carol Oates: „Middle Age“, dt.: „Hudson River

Uih, dieses Buch liest sich schwer im öffentlichen Raum. Joyce Carol Oates Roman „Middle Age“ ist mit „A Romance“ untertitelt. Toll, jetzt denken alle in der Bahn, ich lese Kitsch. Im Büro muss man die Pausenlektüre auch verstecken, zumindest sofern man unter den anderen Didaktikern nicht schief angelächelt warden will. „Was Seichtes, soso …“

Oates ist mir bisher nicht bekannt. In keinem Uni-Seminar ist ihr Name je gefallen, zumindest hat er sich nicht bis in mein Ohr hervorgedrängelt. Ich kann die Autorin also schlecht einordnen, und befürchte zu Beginn auch, mir läge wirklich etwas Seichtes vor, etwas, für das ich mich schämen tun sollte.

In einer Rezension taucht irgendwo die Einordnung auf, die ich passend finde, und schwupps beweist sich das Buch auch als alles andere als seichte Lektüre: Die Frankfurter Rundschau beschreibt den Plot als „kleinbürgerlichen Paarkampf“, und das ist es auch, was Oates darstellt. Da stirbt der Held, gleich auf den ersten Seiten, das Buch hat noch gar nicht begonnen. Er ist also abwesend, das Buch passiert nicht in Rückblicken, Adam Berendt wird nicht wieder lebendig. Und doch zirkelt das Buch um ihn herum, das halbe Dutzend Protagonisten scheint sich über den Toten als Angelpunkt des eigenen Fühlens zu definieren. Wir lernen den toten Adam nicht kennen, und doch ist er da immer wieder, tritt uns im Spiegel der US-amerikanischen Kleinbürgerschaft entgegen. Da gilt es auch, einiges an Seltsamkeiten auszuhalten: Marina Troy, die erste der Frauen, durch deren verzerrten Blick wir Adam Berendt kennenlernen, zieht in die Einsamkeit, und sie droht, verrückt zu werden. Sie sammelt Tierreste, und verarbeitet sie zu Kunst. Gruselig ist das, und ich wünschte, diese Szene hätte ich in der Öffentlichkeit gelesen, nicht, als ich selbst grade in der Einöde Brandenburgs weilte. Allein.

Oates Roman ist also spannend, wir treffen auf Eheszenen, auf einsame Menschen. Mehr als einmal drängt sich das Gefühl auf, hier wird gleich etwas überkippen: Es ist nur ein schmaler Grat zwischen Normalität und dem Verrücktwerden über die eigene Midlife-Crisis. Wer mag, kann das Buch zudem als Abbild der amerikanischen kleinbürgerlichen Gegenwartsgesellschaft lesen, muss es aber nicht. So eine Lebenskrise kann ja auch gern mal omnipräsent sein, so wie es der tote Adam Berendt in „Middle Age“ ist.

Wer jetzt eine Plotbeschreibung vermisst, der kann ja hier mal nachlesen:

„Die armen Reichen“

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