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Touris nerven, klar. Deren Benehmen geht gar nicht. Aber welche Überraschungen man erleben kann, wenn man den Touri schon erkannt hat, steht in diesem Beitrag

Wer die derzeit so angesagte Wut auf die Touris gern auch einmal bei sich kultivieren möchte, dem sei ans Herz gelegt, die morgendliche Fahrt zur Arbeit mit dem TXL zurückzulegen. Denn die Buslinie ist quasi ein Schlaraffenland an Gelegenheiten, den Touri per se als ganz und gar nervenraubend, als absonderlich und kruder noch beurteilen. Zwar fliegen die Touristen einem nicht goldgelb gebraten ins Maul, so wie die Chicken Wings im echten Schlaraffenland, dennoch bieten sie eine Schar schier endloser Unflätigkeiten, die kein Berliner so je begehen würde: Zum Einsteigen brauchen sie ewig, die kühlschrankgroßen Koffer hieven sie auf die Sitze, so dass man selbst stehen muss, sie johlen ihrer restlichen Sippschaft durch den ganzen Bus entgegen „Nein, nicht HIER aussteigen …!“, und bleiben ganz sicher direkt vor den hinteren Türen stehen, so dass der Busfahrer ganz sicher noch sieben Mal schnaufend durch’s Mikro jagd: „Bitte aus dem Türraum treten.“ Was der Touri, ob seines Nichtvermögens dem Deutschen gegenüber, jawoll nicht verstehen wird, sich, weil derart angebellt, wohl erschrecken wird, und nochmal dichter in die schützende Ecke der Tür rücken wird. Die Weiterfahrt verzögert sich demnach um einige Minuten. Und selbst, wer bei seinem, an der TXL-Route gelegenen Arbeitsplatz erst pünktlich zur Flexzeit im Bürostuhl angekommen sein will, wird Mühe haben, sein Kärtchen noch vor der Mittagspause durch die Stechuhr zu ziehen.

Touris. Kennen einfach kein Benehmen. Müssen die unbedingt vormittags zurück zum Flughafen, wenn die Flexzeit drängelt und das Kantinenessen bereits ruft? Neulich, aber das war dann schon zu Feierabend, das zu spät eingenommene Mittagessen lag mir noch schwer im Magen, als ich nachmittags den TXL zurück Richtung Stadtmitte nahm, um in meinen wohlverdienten Feierabend zu starten, saß da im Touri-Bus so eine Gruppe bulliger Kerle. Guckten alle ganz schön grimmig. Scheiß Touris – kein Benehmen, und unfreundlich sind die auch noch. Einer dieser Bullen saß am Fenstersitz (nehmen sich immer nur das Gelbe vom Ei, diese Sauköppe), sein kühlschrankgroßer Koffer stand im Gang. Selbst als eine zierliche Frau sich setzen wollte (es ist ja schließlich IHR Berliner Bus), blieb sein Urlaubshintern am Fenster sitzen, seinen Arm schlang er um die Lehne der Frau und hielt so den Kühlschrank fest, den er mitgebracht hatte. Vermutlich denken diese Touris, wir Berliner hätten nix Ordentliches zu Essen. Man will sich schon zu ärgern beginnen über die dämlichen Junggesellen aus London, die überall in Berlin saufen, obwohl sie höchstens nach Marzahn gehören, da reißt einer dieser Bullis jäh das Maul auf, und schleudert grobe Worte hinaus: „Ey, hier jibbt’s ja ooch übaall nur Türkn! …“

Uups – dieser Touri hat entweder ganz zackig einen Sprachkurs für  die im hauptstädtischen Umland so übliche Kodderschnauze erfolgreich absolviert – oder ist vielleicht doch, man wagt es kaum, es ehrlich weiterzudenken: Berliner, der grade irgendwo anders Touri war.

Der TXL bietet sich, bei nüchterner Betrachtung, also doch nicht dazu an, die Wut auf Touris, auf Zugereiste, Fremde oder andere zu kultivieren – nicht zumindest, wenn man das klare Denken nicht abgestellt hat. Was einem, wenn man so im TXL zur Arbeit oder nachmittags erschöpft zurück fährt, tatsächlich nerven kann ist höchstens das Reisen als Tätigkeit, bzw. die mit dem Kennenlernen anderer Gegenden und Länder verbundene Notwendigkeit, sich selbst samt Gepäck fortzubewegen – aber das kann kein Nährboden sein, sich einen Stoffbeutel um den schlafenden Kopf zu hängen auf dem groß ein durchgeschnittenes Herz prangt mit den Worten „Berlin mag dich nicht.“

Gegen die müde Wut auf Touris, die nur aus Unausgeschlafenheit oder sonstiger geistiger Umnachtung rühren kann, wehren sich – GöttinSeiDank – mittlerweile viele andere, Berliner oder nicht. Die Gruppe „Andere Zustände Ermöglichen“ plakatiert Neukölln-weit, die JungleWorld hat einen prima Artikel zum Thema gebracht, der auch den müdesten Berlinern klarmachen sollte, wie blöde dieses Touribashing ist. Denn: „Der Mensch, den ich auf der Straße Englisch, Spanisch oder irgendeine andere Sprache sprechen höre, kann im Zweifelsfall schon länger hier wohnen als ich.“

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