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Manche Läufer dürfen gar nicht in Berlin auf die Straße. Eher so in München, denn da gibt es halbwegs viele Defibillatoren, diese Dinger, deren Namen keiner kennt, die aber hiflreich sind, wenn plötzlich das Herz stehen bleibt. Ein kleiner Spurt der U-Bahn hinterher, und schwupps, kann so ein Defi-Dings wirklich nützlich werden. Dass es so – oder ähnlich – selbst Ultraläufern gehen kann, davon handelt Haruki Murakamis „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“

MajaSchwarz geht ja, halbbekanntlich, auch der Joggerei nach. Ich laufe der Sportart quasi hinterher. Alle anderen vorneweg, während ich die 5 km in lockeren 37 Minuten absolvieren. Jeder Anderthalbjähriger stellt einen da in den Schatten, und es gibt Tage, an denen wird der Spurt hinterm Bus, ob das er nicht ohne mich losfahren möge, zur keuchenden Grenzerfahrung.

Trainingsersatz

Letzten Sonntag, während der Kreuzberger Viertelmarathon ohne mich die 10.5 km durch Berlin jagte, lag ich, die Beine hochgelegt, im Bett und las die letzten Seiten von Haruki Murakamis „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“. Mein erster Murakami. Das hartgekochte Wunderland und all seine andere Werke sind bisher an mir vorbeigegangen (nicht willentlich, eher aus Mangel an Gelegenheit). Bei diesem Buch jedoch sprach der Titel mich gleich dolle an, das Cover ziert ein wunderbares Bild von Murakami bei einem seiner Läufe, da scheint die Sonne im Bild, aber trotzdem sieht er noch fit aus, der Murakami.

Läufer und Revolutionsunterdrücker

Wovon er aber schreibt, ist, dass dieses Gefühl des Sich-Fit-Fühlens während des Laufens auch bei ihm keine Regelmäßigkeit hat. Klar, Murakami läuft manchmal an einem Tag mehr als ich in einem halben Jahr – Murakami berichtet vom Ultramarathon, während ich mich manchen Tags mit 3 km schwer tue – aber auch dieses Laufpensum ist oft von Flüchen und Unverständnis über sich selber begleitet. Die Frage des Warums scheint auch Murakami umzutreiben, auch wenn er für sich Antworten gefunden hat – Antworten und Strategien, diesem Zwilling des eigenen Schweinehunds zu begegnen. Denn kaum hat man, also ich, oder Murakami, oder sonst ein Läufer, den Hintern vom Bürostuhl hochgezogen (dann und wann mag ein Stück Leder am Po haften bleiben), also quasi den inneren Hund besiegt, meldet sich dessen Schatten, und zwar besonders gemein: Während man auf der Strecke ist. Murakami bekämpft ihn, indem er seinen Körper und dessen Einzelteile mal mit einer Maschine, mal mit der Französischen Revolution vergleicht: Die Beine, die Muskeln, proben den Aufstand, und müssen im Zaum gehalten werden.

Seltsame Pfade und Umwege

Streckenweise bekommt man dann beim Lesen schon das Gefühl, dass Murakami einiges an Vorschusslorbeeren hat, die ihm die bei Dumont erschienenen Anekdoten ermöglichten, denn all zu oft treibt er ab, machen seine Gedanken unnötige Umwege, die er als Läufer selber nicht anstellt. Außerdem läuft er Extra-Runden: an mehr als einer Stelle wiederholt Murakami sich, um sich dann wieder zu widersprechen. Seltsame Pfade, die er da geht, und ohne den Erfolg seiner anderen Bücher wäre dieses sicher nur im Print-on-Demand ein Hit. Aber nicht nur der Erfolg lässt ihn hier schreiben, vielmehr bestimmt sein Dasein als Autor fast die Hälfte des Buches; tiefgründig ist es, wenn Murakami das Schreiben mit dem Laufen vergleicht. Tiefgründig, und spannend.

Vom Laufen sagt er beispielsweise, dass es die beste Eigenschaft sei, die er sich im Leben zugelegt habe. Er erfordert Ausdauer, ähnlich wie das Verfassen eines Romans. Und: Das Laufen fordere, anders als die meisten Teamsportarten, keine schnelle Entscheidungen. Die Gedanken können sich sachte ausbreiten, es bleibt viel Luft, anstatt dass zackiges Ja-oder-Nein abgefragt wird. So ist Laufen für Murakami DIE Sportart.

Erquickung oder Erschöpfung?

Murakami mag sich wiederholen, auch wiedersprechen, aber im Grunde ist seines doch ein sehr sympathisches Buch. Er ist ehrlich, notiert seine Gedanken, stöbert in alten Notiz- und Tagebüchern. Und ja – die dürfen auch mal wirr sein, seine Erinnerungen, einen Umweg gehen, sich verlaufen. Widersprüchlich sein in der Attitüde dem Laufen gegenüber. Ein gemeiner Rezensent würde vielleicht urteilen: Besser als selber-trainieren ist das Buch auch in seinen schlechtesten Passagen allemal. Klar – Murakami lesen statt Viertelmarathon zu laufen ist ja quasi auch Training. Nun – ich will nicht gemein sein, denn dafür gibt es keinen Grund. Murakami hat da ein schönes Buch geschrieben, und Widersprüchlichkeiten sind jedem Läufer wohl bekannt. Urteilen wir so: Wenn uns Murakami einen Defibrillator bescheren sollte, dann eher aus Gründen der Erquickung denn der Erschöpfung.

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