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„Unland“ ist erst einmal ein Wort, das holpert. Ein Wort, bei dem man Gefahr läuft, dass die eigene zarte Stimme, die eben noch stumm im Lesen lag, auf den Versuch hin, die Frage (die mit Sicherheit stört, weil sie beim Lesen unterbricht) zu beantworten, noch gar nicht wieder auf Sprechmodus gestellt ist und daher zu leise, zu ungehört .

„Was liest du denn da?“ „Unland.“ „Umland? Welches Umland denn?“
Ich stieß auf „Unland“, weil gerade in aller Munde war, was denn so aktuelles an Jugendbüchern auf dem Markt sei, jetzt mal abgesehen von Stephenie Meyer. Steinhöfel kannte ich, und mochte ich, der ist einer der ganz großen. Daneben war Janne Teller in vielerlei Munde (wenn diese Münder nicht schon mit Edward und Bella gestopft waren), aber ich traute mich (bisher) nicht ans Buch heran. Das soll so … gewaltvoll sein.

Dann kam meine Verabredung zu spät, fast eine Stunde, und ich saß am Hackeschen Markt im Buchladen, was (mir) Neues von Steinhöfel auf dem Schoß, vorpreschenderweise dann doch auch „Nichts. Was im Leben wichtig ist“ und Antje Wagners „Unland“ . Alle las ich irgendwie quer, blättere hier und da ein paar Seiten, las die ersten Sätze. Bei „Unland“ blieb ich hängen, ganz banal erst einmal deshalb, weil in keinem Buch sonst der Zug in „Zahna“ hält, einem kleinen, hässlichen Kaff in Sachsen-Anhalt. Und weil das Buch auf den ersten Seiten noch viel mehr lustige Zufälle zu bieten hatte: Ich kannte tatsächlich auch eine Franka, die in dieser Gegend wohnte, und deren Mutter trug den gleichen Namen wie im Buch 2 Seiten weiter Frankas (Pflege-)Mutter. Nun, die Personen sind fiktiv, abgesehen von diesen kleinen Zufällen fand sich keine Parallele in dem Buch.

Und doch war ich gebannt. Irgendeine Rezension zu „Unland“ hatte von Wagners schnellem Erzählstil gesprochen, der sich nun, bei der eigenen Lektüre, wiederfand und mich das Buch nicht aus der Hand legen ließ.
Franka, die Hauptfigur, ist gleich sympathisch, man folgt ihr, stellt ihre Fragen mit, wundert sich, und findet Gefallen an den neuen Freunden, die sie langsam kennenlernt, in dem Kaff in Sachsen-Anhalt, in dem sie irgendwie fast ausgesetzt wird. Sie ist die Neue, und sie durchlebt, was „die Neue“ vielerorts so durchlebt, zumal Franka auch noch blöde aussieht, fast lesbisch. So zumindest nehmen die anderen Kids sie wahr. Franka und die neuen Freunde, die Kinder im „Haus Eulenruh“, einer Art Villa Kunterbunt, werden wegen vielerlei Dingen gehänselt und gedisst, Worte treffen sie und Steine. Aber Franka kämpft, und man fühlt dabei zwar ihre Wut, ihre Verzweiflung auch, aber sie ist nicht einnehmend oder lähmend. Wagner holt uns gleich wieder raus aus den typischen „“Problembüchern“, die sonst so oft für Jugendliche geschrieben werden. Wagners „Unland“ beantwortet sich nicht schon bereits im Titel, wie beispielsweise „Seine Mutter mag mich nicht“, in dem man den Plot schon ahnen kann, ohne das Cover auch nur gewendet zu haben. „Unland“ jedoch kippt. Da sind die Kids und die Probleme, da ist das Sich-Suchen im eigenen Körper, da ist das erste Verliebtsein. Und ganz „nebenbei“ serviert uns Wagner auch etwas, das abseits liegt vom heteronormativen Story-Menü: Erstes lesbisches Verliebtsein platziert Wagner im Buch wie eine Selbstverständlichkeit, es ist nicht das große Thema, an dem immer noch die Aura vom Unnormalen klebt, es ist eine schönerzählte Beiläufigkeit.

Das große Thema des Buches ist ein anderes, und wie gesagt: Das Buch kippt. Keinesfalls zum Negativen, sondern es löst sich aus den einfachen Jugendbüchern heraus, es problematisiert nicht einfach, sondern wird auf subtile Art tatsächlich zum Thriller. Und ganz am Schluss – ja, in meiner Rezension fehlt ein wenig Inhalt, aber ich will auch den Plot nicht vorweg nehmen – am Schluss also ist „Unland“ nicht nur ein Jugendbuch, das zum Thriller herangewachsen ist. Nein, vielmehr sind wir am Ende auch irgendwie in „Sophies Welt“ angekommen, weil nicht mehr klar ist, wer diese Franka eigentlich ist. Ist sie tatsächlich noch sie selbst, oder imitiert sie sich? Soll der zum Bösen mutierte Klon getötet werden, auch, wenn gar nicht mehr mit Sicherheit gesagt werden kann, wer Original ist, und wer Klon? Wer soll erschossen werden?

All diese Fragen stellt „Unland“ und da ist nichts mehr, das holpert, Wagner erzählt schnell, und „Unland“ ist eines der Bücher, die man zwar schnell lesen kann, von denen man aber nicht will, dass sie enden. Ich selbst habe „Unland“ irgendwo im Umland gelesen, in einer alten Jugendherberge mit 100 Zimmern, die ganze Nacht hindurch. Und am Ende war die alte Herberge im Umland für mich so schauerlich wie für Franka „Umland“. Ein packendes Jugendbuch, und eben: Viel mehr als das.

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Ein Kommentar zu “Antje Wagner: Unland

  1. Pingback: Meene dollsten Lieblingsbücher | Maja Schwarz

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