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Um den leibhaftigen Adorno zujubeln zu können bin ich zu spät geboren. Meine Jubelrufe in die Welt der Philosophie hinein kanalisierten sich demnach eher bei Judith Butler, der ich bei ihrem Besuch in Potsdam vor einer halben Dekade gebannt und andächtig lauschte wie einige Jahre zuvor der Gruppe „Boyzone“. Das war ne Stimmung, bei Boyzone und bei der Butler. Nun, die Ikone benimmt sich in letzter Zeit seltam, sie zu verstehen ist noch schwieriger geworden, spätestens angesichts der Frage um den Adorno-Preis, der ihr (statt mir) verliehen werden soll. Ich will an dieser Stelle mal einige der Reibungspunkte sammeln, die sich mir bei Butler stellen.

„Die Tatsache großen Leidens rechtfertigt weder Rache noch legitime Gewalt.“ Sage nicht ich, sondern schreibt Judith Butler (in: Neuer Antisemitismus? Hrsg. Von Doron Rabinovici). Schwingt da nicht mit, dass Israel, dass die Juden sich der Shoah wegen ganz besonders artig in dieser modernen Welt verhalten müssen? Die Juden als vermeintliches Proto-Opfer müssen sich ganz besonders verhalten, anders. Wie dieses „anders“ aussieht, bleibt aber diffus.

Schweigen über Israels Art von Gewalt würde zum „Kollaborateur illegitimer gewalttätiger Macht“ machen. Aha, Kollaboration ist ja doch ein gefärbter Begriff, der schnell, zu schnell? an die NS-Geschichte denken lässt. Passt das?

In ihrer Verteidigungs- bzw. Erklärungsrede (die in der Übersetzung in der ZEIT veröffentlicht wurde) sagt Butler, sie sei durch das jüdische Denken zur Philosophie gekommen. DAS jüdische Denken erschließt sich mir nicht. Kann jemand helfen?

Zuletzt will ich, auch erstmal wertfrei, auf Butlers Argument verweisen, dass ja Israel nicht die Grundlage jüdischer Identität oder jüdischer Werte per se ist. Oder? Ich denk da mal drüber nach …

 

 

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8 Kommentare zu “Der Popstar macht Mist

  1. „Kollaboration“ lässt Rückschlüsse auf die NS Diktatur zu? Abgesehen davon wäre es wohl anmaßend von Frau Butler einen Vorschlag zu machen wie sich Israel „anders“ verhalten soll.

    • Rückschlüsse im Sinne eines nachträglichen Erkenntnisgewinnes: nein. Meines Erachtens ist der Begriff aber konnotiert, es kann aber auch sein (das gebe ich zu) dass nur ich diese Färbung hineinlese. Aber dazu stelle ich ja auch diese Fragen, um da Klarheit zu gewinnen 😉

      • Tut mir leid, aber wie man Ihnen auch schon bei der ZEITgeantwortet hat: Sie fragen nicht, sie insinuieren! Sie wissen längst, dass Judith Butler in ihrer Muttersprache Englisch das – gerade NICHT – nazistisch konnotierte Wort „collaborator“ verwendet hat. (Hätte sie Feindhelfer gemeint, hätte sie „quisling“ gesagt.)

        Auch zu den sonstigen Unterstellungen und Miss-(un-)verständnissen bezüglich Frau Butlers Argumentation hat man Ihnen ja bei der ZEIT schon geantwortet. Vielleicht sollten Sie darüber nachdenken, Ihren obigen Artikel mal upzudaten. Oder liegt Ihnen was daran, Frau Butler für alle Zeiten mit Ihren raunenden – eine gewisse Verlogenheit oder wisenschaftliche Unschärfe unterstellenden – „Fragen“ in ein Zwielicht zu rücken?

      • Zunächst: Danke für den Kommentar. Ich wollte nichts unterstellen, sondern Reibungspunkte zeigen, die in der Diskussion über Butler aufgetreten sind. Es freut mich jedoch, dass Sie meinen Worten die Wirkmacht zuschreiben, Frau Butler irgendetwas „für alle Zeiten“ zu unterstellen 😉

        Das Zitat finden Sie in der Erstauflage des genannten Buches, Seite 62.

        (Hier der Link zur Diskussion auf ZEIT online.)

  2. „Für alle Zeiten“ bezog sich auf die bekanntlich beachtliche Langlebigkeit denunziatorischer und verleumderischer Einträge im Internet, nicht auf Ihre (tatsächlich nicht vorhandene) „Wirkungsmacht“. Dazu sind Sie wohl zu unbedeutend.

    Die von Ihnen behaupteten „Reibungspunkte“, Frau Butler benutze – Sie insunieren ja absichtlich oder mangels sprachlicher Kompetenz? – nazistisch konnotierte Begriffe, gibt es doch in Wahrheit nicht, bzw. wurden von Ihnen konstruiert. Resultieren Sie doch nur aus Ihrer privaten fehlerhaften Lesart eines Butlertextes und offenbar mangelnder Kenntnis des Englischen. Insofern „klingt – nunja“ Ihre Naivität etwas aufgesetzt, wenn Sie es weiterhin vorziehen, auch in Ihrer zweiten Antwort auf einen Kommentar nicht unmissverständlich klarzustellen, dass es nicht nur „sein kann“, dass Sie „diese Färbung hineinlese(n)“, sondern, dass dem auch so ist. Deshalb stelle ich nun klar, was Sie längst wissen, aber trotzdem offenbar nicht akzeptieren wollen:

    Judith Butler benutzt keine nazistisch konnotierte Sprache!

    Sie lesen etwas in Butlers Texte hinein, was nicht darin steht. Warum Sie das tun, werden Sie schon wissen.

  3. Es ist fast egal, welche Worte Butler wählte. Ihre Ausfälle gegen Israel waren keine Zufälle, sondern sind seit längerer Zeit Bestandteil ihrer politischen Ansichten, die sie nun, da es um einen Preis geht, den sie nicht abzulehnen gedenkt, als harmlose Äußerungen kaschiert. Butler inszeniert sich als missverstanden und verleumdet. Es ist die rhetorisch geschicktere Version des „Man wird ja wohl noch sagen dürfen…!“ des sekundären, israelbezogenen Antisemitismus, dem es – hierzulande – um die Schuldentlastung der Deutschen geht. Dass Israelkritik bei Weitem keinen Tabubruch darstellt, könnte der Professorin aus Berkeley ebenso bekannt sein, wie die Möglichkeit differenzierterer Kritik ihrer Kritiker_innen: Nicht alle, die sie kritisieren, werfen ihr „jüdischen Selbsthass“ und „Kollaboration“ vor. Ein solcher Vorwurf von Seiten einer/ eines Nachkommen aus dem Tätervolk verdient es selbstverständlich als ekelhaft zurückgewiesen zu werden. Ihre eigene (Ver-) Wendung des Begriffs gegen die Unterstützer_innen des jüdischen Staats, um welche hier gestritten wird, hat im Deutschen nun einmal tatsächlich genau den Klang, den man von antisemitischer Seite nun mal des öfteren hört.
    Ich werfe Butler vor, Antisemitin zu sein, ihre jüdische Verortung macht ihre Ansichten auf einer analytischen Ebene heikler, als sie es selbst vielleicht möchte. Sie macht sich, ob freiwillig oder nicht, zur globalen Referenz des geifernden Antisemitismus wie bspw. Chomsky und Finkelstein.

  4. Pingback: Schlammschlacht oder berechtigte Kritik: Soll Judith Butler den Adorno-Preis verliehen bekommen? « MajaSchwarz

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