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Selten hat ein Buch bei mir derart widersprüchliche, dabei derart extreme Reaktionen ausgelöst wie das „gemäßigt singend“, das „Moderato Cantabile“ von Marguerite Dumas. Ich bekam’s zum Geburtstag und nahm’s mit ins Bett. Es muss gesagt sein: ich bin eine faule Bettgängerin. Liege ich erst einmal, treibt mich erst das 28. Snooze-Geräusch am folgenden Morgen wieder hinaus. Hunger- und Durstgefühle, auch Pullerbedürfnisse, werden geflissentlich ignoriert. Als ich jedoch mit „Moderato Cantabile“ im Bett lag und die ersten Seiten inhaliert hatte, zwang es mich hinaus. In einem Satz sprang ich auf: Ich brauchte dringend Stift und Papier, denn ich wollte mir Buchstellen kopieren:

„Das Kind wandte den Kopf dieser Stimme zu, … . Dann nahm es wieder seine Dinghaltung ein. Die Hände blieben geballt.“

„Endlich war das Boot mit der Reise durch den offenen Fensterrahmen fertig.“

„Manchmal glaube ich, ich habe dich erfunden.“

Das waren in dem Moment Sätze wir Drogen, wie 17 Club Mate-Portionen bei Vollmond, vielleicht, wenn man verliebt ist. Ich war hin und weg. Las länger, als die Müdigkeit es normalerweise zulässt, schaffte von den 130 schmalen Seiten dann aber doch nur das halbe Buch.

Den Rest las ich beim Beifahren. Auch hier sind die Worte noch stark, aber meine Stimmung und mein Wohlwollen dem Buch gegenüber war gekippt. Ich wollte schreien, bei jedem neuen Alleebaum wollte ich das Fahrfenster hinunterreißen, das Buch aus dem Auto werfen: Es passierte nichts. Stunde um Stunde saßen die beiden zusammen im Café, und bringen gerade ein paar kleine Sätze zusammen. Zäh ist das Buch, wie ekliger Kaugummi, wie ein Polizeiruf, der noch zu DDR-Zeiten gedreht wurde, und der die Worte auch nur in Brocken hinwirft.

Und dennoch, oder grade trotz der zwei Seelen, die da in mir schlugen, während ich las, hat das Buch eine Kraft. Man kann es entschlüsseln, und wird bei dem Versuch, just dieses zu tun, auch sehr fündig werden. Wikipedia ist dazu wirklich eine feine Quelle, der Aufbau des Bändchen ist toll erläutert. Man möchte aber doch gefasst sein auf ein Buch, das einen schwerlich nur einlullt, das einen wieder aus dem Bett treibt, nicht ruhen lässt. Kein gemäßigtes, kein singendes, viel eher ein starkes Leseerlebnis.

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