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Vielleicht, um mal wieder was auf Deutsch lesen zu dürfen, oder auch, um der Verblödung so mancher unsinniger Lesechallenges etwas entgegen zu halten, habe ich meine eigene kleine Lesechallenge gestartet. Die bestand aus folgender Aufgabe: Lies die Bücher, die den Deutschen Buchpreis gewonnen haben, Konkretisierung: Lies diejenigen Bücher, die 2011 den Deutschen Buchpreis gewonnen haben. Ich finde, das war eine überschaubare Herausforderung, durchaus machbar, man klebt sich auch weniger gleich alle Machwerke deutscher Gegenwartsschreiber an die Backe. Was wichtig ist, eine Challenge soll ja nicht unmittelbar in die Geistesschwäche hineinführen.

Nun also Eugen Ruge. DDR-Geschichte habe ich bisher allzu sträflich behandelt, mein Wissen über den Unrechtsstaat beschränkt sich auf ein paar intuitive Verhaltensregeln: In einer Lesung großer Männer, die aus ihren eigenen Stasi-Unterlagen zitieren, besser nicht ein naives Fingerchen heben und fragen, wer denn der Herr Thälmann gewesen sei. (Das besser vorher nachgucken.) So, also „Herbst“, von Eugen Ruge. Ein ganz schön erschreckendes Sammelsurium an alten, immer verwirrter werdenden Menschen. In Neuendorf war ich schon mal, und den Klamottenladen, in dem es Klamotten zum Kilopreis gibt, kenne ich auch. Da sind Schnittmengen, da stößt der Herbst an meine eigene Existenz. Ein Vorteil deutscher Gegenwartsliteratur gegenüber Fantasy-Werken. Wer war schon je in Mordor? Nun, Neuendorf. Schauplatz obstruser DDR-Schicksale, alle irgendwo am Ende, die Menschen, in Ruges Buch.

Da steht „ungeheuer komisch“ auf dem Buchumschlagsrücken. Nun, komisch ist das Buch solange, wie man den Buchumschlagsrücken noch im Gedächtnis hat. Da entfleuchen einem ein paar Kicherer, wenn Alexander („Sascha“) eingangs den greisen Vater füttert. Dem wiederrum fallen die Brückchen aus dem Gesicht, rutschen von der Gabel, die er verkehrt herum hält, der Alte, Geistesschwache. Schon hier die Überlegung: Alexanders „Pflege“ müsse nur um ein paar Grad gekippt werden, und es bedarf gleich gar keiner Pflege mehr.

Denn – was erzürnt: Ruge kommt nicht ohne einen Mord am Ende aus, der so beiläufig passiert, dass man ihn fast auch überlesen könnte. Botschaft: Wenn du töten mal ausprobieren willst, den Fleck auf der weißen Weste probehalber spüren willst, ohne dolle Konsequenz, dann spiele keinen Egoshooter, sondern warte, bis der Gatte alt und schrummelig ist, dann kipp ihm Tröpfchen ins Teewasser, dann haste auch deinen Spaß und Freiheit. Doofe Botschaft, die Ruge sicher nicht vordergründig gelesen wissen will, aber doch schwingt sie mit. Und sowas, so eine Mordslüsternheit, bekommt dann den Buchpreis. Dann vielleicht doch eher … ein bisschen Frieden, unter den Menschen. Und den Buchpreis an alle, der Gerechtigkeit halber. Auch wenn das ein Stückel Sozialismus wäre, gegen den Ruge ja anschreibt.

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