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Daniel Kehlmann liegt ja überall, an dem kommt man nicht vorbei. Beim Versuch, auch mal ganz schnell ganz viel zu lesen, gab ich irgendwann nach. Ich dachte: diese 300 Seiten sind ein Klacks, ditt jeht zackig. Ich packte den Kehlmann also auf die Leseliste.

Als ich, noch im Buchladen schlendert, dann die erste halbe Seite las, schwante mir Schlimmes: Hatte ich dem Debütanten Unrecht getan? Die ersten Worte, die Anfangsszene zog mich nämlich in den Bann, schlau, dachte ich, gewitzt.

Dann geht es los: Gauß, der, der nicht rechnen will, aber die Mathematik beherrscht, bricht übelgelaunt zu einer Reise auf, an deren Ende ihn Humboldt, der Kleinere, erwartet. Dann schwuppsdiwupps geht das Rückblicken los: Gauß, der (sonst) immer zuhause geblieben ist, quasi, und Humboldt, der überall hin reist, sich gegen Mücken wehrt. Was sie verbindet: Beide sind sie garstig, Humboldt am Ende auch noch schwul, eine im Nebensatz erwähnte Offenbarung, die dennoch ein kleiner Skandal ist, so sehr nebenbei eingeschoben ist sie.

Und schnell reiht sich ein Past-Tense-Satz an den nächsten, Erlebnisse, Ereignisse, doch etliche Gedanken werden genannt. Die sind spannend; Humboldt und Gauß, die fiktiven Freunde, sind ja nicht auf den Kopf gefallen. Dennoch ist das Ganze dann doch flugs vorüber; die Sätze so kurz, die Figuren, abgesehen von ihrem unvermeidlichen Alterungsprozess, ohne Entwicklung. Es fehlen die Verstrickungen, meinetwegen eine Intrige, vielleicht gar eine Liebschaft. Eben irgendwas mehr als nur die mit dem Alter noch wachsende Garstigkeit der beiden VIP-Wissenschaftler. Sicher – Humboldts Reise ist spannend, Teneriffa wird mehrfach genannt, und lesend entwickeln wir doch so was wie eine Vorstellung davon, dass es mal eine Welt vor dem Garmin-Navigationsgerät gab.

Aber wenn ich ins Navi die falsche Postleitzahl tippe, verfahre ich mich. Und ebenso können sich Wissenschaftler vertun, oder Literaten: Die „Vermessung der Welt“ ist nicht die letzte Wahrheit; bald nach Humboldt und Gauß gab es andere, deren Messgerät viel moderner, viel zuverlässlichlicher war. Kehlmanns Buch ist zweifelsohne modern. Aber es ist auch ungenau, es springt und lässt so viel aus.

 

 

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