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Gerade ist Lily Bretts neuer Roman „Lola Bensky“ hochgelobt erschienen. Gelegenheit, ihr Buch „Einfach so“ aus dem Regal zu holen und die „Spezialistin für Intimitäten“, die keine Tabus kennt, näher kennen zu lernen

Lily Bretts Sicht auf Flugreisen ist eine interessante: Man gibt, so sagt sie sinngemäß, alle Verantwortung ab, wird umpuschelt, die Cabin-Crew muss für dein Wohlsein ackern. Ich hingegen fühle mich eher wie ein träger Klops, den Stewards und Stewardessen ausgeliefert, ihre Blicke, die schon endlos viele Fluggäste gesehen haben, lächelnd über mir hinüberhuschend. (Mit Lily Brett müsste ich jetzt wohl noch über meine Verdauungstätigkeit auf 5- oder 12-stündigen Flugreisen berichten, und ob Unterschiede festzustellen sind, je nachdem ob die Mahlzeiten vorher heimisch, mediterran oder fast Food waren.)

Was an „Einfach so“ aber nervt, ist, dass außer verdauen nicht so viel passiert. Ihre Wiederholungen und Widersprechungen  sind zum Teil wirklich nervig, ebenso die kurzen Sätzchen, und die banalen Wahrheiten, die Brett uns über ihre Protagonistin wissen lässt: „Krankenhäuser machten sie immer nervös.“ Wow, wirklich? Ich fühle mich dort immer ganz entspannt, wie in einer Wellness-und-Spa-Landschaft. Außerdem: Brett verwendet wenig schöne Sprachbilder, kaum schöne Formulierungen, keine gewaltigen Wortgeschöpfe, die man klauen und auswendig lernen will, um sie gekonnt in dem einen oder anderen Brief an Freunde unterzubringen. So erzählt sie von Sex, spricht über’s eigene Scheißen, und, eingestreut, immer wieder mal vom Holocaust.

Das Buch war ihr wohl Therapie: Die Protagonistin errötet noch, als sie von einer Freundin im öffentlichen Raum über deren Sex  unterrichtet wird, einschließlich Schwangerwerdung und daraus resultierenden heraushängenden Hämorriden. Bretts Buch weckt Kindheitserinnerungen an Dr. Sommer: man erhält Antworten auf Fragen, die man sich nicht traut, anderen zu stellen – oder die man schon gar nicht mehr hatte, eben weil Dr. Sommer, Brigitte oder Alice Schwarzer die Frage, ob sich die Farbe von Menstruationsblut wohl ändert, schon längst mal beantwortet haben. Lily Bretts Buch ist 20 Jahre alt, das merkt man eben nicht nur an der Wichtigkeit, die das Faxgerät des Vaters im Buch spielt.

Vielleicht hätte Brett strecken aus ihrem Buch eher als E-Mail, oder meinetwegen als Fax an irgendwen in der Welt geschickt: Sie erzählt uns zwar intime Dinge, manchmal ist das für den Eigenbedarf nützlich, aber die fehlende Entwicklungsfähigkeit ihrer Figuren – ihre Töchter, der Sohn sind kaum mehr als nützliche Schattenfiguren, nervt auf knapp 450 Seiten doch irgendwann.

Ganz schlecht ist das Buch dabei nicht, sonst hätte ich es weggelegt (oder selber geschrieben), aber viele wirklich neue Erkenntnisse bringt es nicht – eher für diejenigen, die von „Feuchtgebiete“ nicht mal die Rezensionen lesen konnten, ohne sich schämend im Boden zu versinken.

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