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Wenn die Handlung eines Filmes darin besteht, dass jemand einen Stein im Schuh hat, und deswegen für einen Augenblick, ein paar Minuten nur, seine Wanderung unterbrechen muss – kann dieser Film ein guter sein? Sehr wohl kann er das.

U.a. im Rahmen des „Unknown Pleasures“-Filmfestivals in Berlin läuft derzeit Julia Loktevs Film „The Loneliest Planet“, der zu Recht bereits einige Filmpreise einheimsen konnte. Der Inhalt ist dabei tatsächlich schnell zusammengefasst: Ein junges Paar, Rucksacktouristen aus den USA, unternimmt eine Reise durch den Kaukasus. Begleitet von einem Bergführer begeben sie sich auf eine Wanderung in die abgelegene Wildnis. Bald trifft er, in Sekundenschnelle, eine Entscheidung, vielleicht ist es nur ein Reflex, und ihre Beziehung wird auf die Probe gestellt.

Was dann passiert, und vorher schon im Gange war, sind Kleinigkeiten. Blicke, fragende, versuchende Gesichter, der Abstand, den die beiden Wandernden nun zueinander halten. Es fliegt kein Auto durch die Luft, keine U-Bahn explodiert, kein oller Ring muss durch die Gegend getragen und abenteuerreich vor ollen Orks bewahrt werden.

Und dennoch ist „The Loneliest Planet“ ein wundervoller Film. Was zwischen Alex und Nica passiert, wirkt mehr als glaubwürdig, und es ist, als sei man nicht Zuschauer mang Zuschauer, sondern als sei man selbst der vierte Wanderer, der schweigend die beiden Freunde beobachtet. Statt schneller, zackiger Action-Schnitte nimmt der Film sich Zeit: eine Minute verfolgt die Einstellung, wie Nicas Füße sich über massive Steine hinwegmanövrieren. Gefühlte fünf Minuten bauen Nica und Alex am Ende ihr Zelt ab. Nichts weiter, fast nichts zumindest: Dass sich beide hier die Hand reichen, droht, übersehen zu werden, aber in dieser Szene liegt so viel Kraft, die Zuversicht, dass es doch gut gehen wird zwischen ihnen beiden, auch wenn ihr Ausweg aus ihrem Streit nicht im Reden liegt.

Sicher, die Bilder, die uns Julia Loktev und ihre drei Darsteller – Gael Garcia Bernal als Alex, Hani Furstenberg als Nica und Bidzina Gujabidze als Bergführer Dato – bieten, müssen zum Teil ausgehalten werden: Wenn jemand kotzt, ist das nie besonders schön. Mancher Sex bereitet auch beim Zusehen eine Abwehrhaltung. Und ein oder zwei Mal wünscht man sich als Zuschauer vielleicht doch, Alex und Nica mögen schneller wandern. Oder zumindest mal miteinander reden. Denn genau das tun sie nicht. Viel passiert über Blicke, über Mimik, die Weite der Landschaft umrandet hier in ihrer Unschärfe. Aber anders als bei Keira Knightley als „Anna Karenina“ passiert in dieser Mimik eine Menge, wird tatsächlich eine Entwicklung deutlich, kein steter Leidenszustand, wie Keira Knightley ihn verkörpert.

Wer den Trailer schaut, mag enttäuscht werden, weil eine Erwartungshaltung, die in „The Lonliest Planet“ etwas vom „Blair Witch Project“ vermutet, nur fehl liegen kann. Dennoch durchstreift den Film das stetige Unbehagen darüber, was als nächstes passieren kann. Denn alles ist möglich, und Alex und Nica gelingt es, den Zuschauer mitten in den Strudel dieser Möglichkeiten hineinzuziehen. Der Stein im Schuh ist dann im Kinositz spürbar, und mit ihm die Weite seiner Bedeutungen.

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