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Tom Schilling verliert die Freundin, das Studium und all sein Geld. Dass es darum aber gar nicht geht, sondern um Kaffee (ohne Sojamilch) – das ist schöne Kinounterhaltung. Und ein  einfaches, ehrliches Statement.

 

Dass Popcorn in kleinen Kinos nichts zu suchen hat, das weiß mensch auch ohne dass man diesbezüglich durch die harte Schule des Filmvorführers Peter Gundlach in den Parklichtspielen Buckow gehen musste.

Ich tänzelte also nicht Popcorn sondern stattdessen einen Milchkaffee die Kinoränge der Tilsiter Lichtspiele hinauf, verärgert, weil jemensch anderes schon die beides Sofas mit Jacken-Handtüchern reserviert hielt, verängstigt, weil ich nie im Leben gekellnert hatte, und meine Begleitung viel zu weiß angezogen war, als dass ich ihr meinen Kaffee über’s Dekolleté hätte gießen wollen, selbst wenn er soviel Milch enthielt, dass er sich dem Weiß der Fleecejacke schon fast anschmiegte. Der Milchkaffee um 8 Uhr abends, den ich da durch‘s Kino balancierte, war mein dritter an diesem Tag, und das ist keineswegs so belanglos, wie es sich vielleicht grade lesen mag.

Ein Tag ohne Kaffee. Schlimmer noch: Ein Tag, an dem einem der Kaffee praktisch immer wieder vor der Nase weggezogen wird. Mal ist die Maschine kaputt, mal schon gereinigt, mal die Kanne leer, mal der Preis für die banale schwarze Plürre viel zu hoch. Das kann ein Drama sein, und genau darum geht’s in „Oh Boy“, einem mädchen-milchkaffee-schwarzen Sepia-Phantasma starring Berlin. Ach nein: starring Tom Schilling. Der macht das gar nicht so schlecht, wie man vielleicht befürchten mag, auch wenn man mit 28 eigentlich schon zu alt ist, um sich Filme mit Tom Schilling anzusehen. Nun, ganz so säglich unerträglich wie Til Schweigmallieber ist Tom Schillerling nun nicht, und das – mag durchaus was heißen.

Tom alias Nico schillert in „Oh Boy“ allerdings ganz und gar nicht, und daran ist nicht nur das Schwarz-Weiß-Muster des Filmes schuld. Vielmehr erlebt Tom alias Nico gerade eine Menge Mist. Meist verraten die Zusammenfassungen, die Filmkritiken also, dass er sein Studium abgebrochen hat, nun keine Kohle mehr bekommt (1000 Euro im Monat, die der anwältliche Vater ihm nun streicht), dass die Freundin nicht mehr seine Freundin ist, und dass Tom alias Nico keine Lust auf sächsisch-schwäbischen Soja-Kaffee hat. Kaffee, da haben wir ihn – des Pudels Kern von „Oh Boy“. Beziehungsweise eben liegt der darin, dass Nico eben diesen nicht hat. Und der Film kann erst enden – und tut das dann sehr abrupt – als der Ring weggeworfen, äh nein – der Kaffee am nächsten Morgen endlich getrunken ist. Vorher hat Nico einige unzusammenhängende Erlebnisse, die teilweise derart unangenehm sind („Friedrich“ am Ende hat etwas sehr unsympathisches mit sich), dass man froh ist, dass sie zusammenhanglos sind, und deswegen im Verlauf des Filmes nicht fortgeführt werden. Dass er aber vor Ende des Filmes ganz oft eben keinen Kaffee bekommt – das ist Slapstick, so wie das Einkleckern der 133333 Zwerge im „Hobbit“ nichts anderes als Slapstick ist.

Anders aber als bei der Filmversion des kleinen Bilbo Beutlin kann man sich bei „Oh Boy“ durchaus sowas wie eine Fortsetzung vorstellen. Zum einen, weil man dem Film ein bisschen mehr Plot durchaus wünscht – wenn auch das Offene, die Aneinanderreihung der Einzelheiten ohne das diese direkt Sinn ergeben müssen durchaus seinen Reiz hat (that’s life) – zum anderen, weil „Oh Boy“ durchaus viele, zum Teil vielschichtige Andeutungen macht, die weitergesponnen werden können. Vielleicht nicht als Dekalog, aber eine Trilogie, das wäre denkbar. So wie drei Kaffee am Tag eine schöne Menge bilden, kann man Tom Schilling alias Nico gern auch drei statt nur einen Tag folgen. Und am Ende dann eben einen Kaffee trinken, auch wenn es dann nicht wie im Film wieder Morgen ist. Und wenn’s mit dem Studium nicht klappt, wird Latte-Macciato-Trinken eben doch zur Berufung.

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