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Ein kurzer Chat mit einer Freundin, in dem es um das Deutsch-Französische Volksfest in Berlin ging, und die in dem Zusammenhang unachtsame Verwendung des Wortes „Mainstream“  – mir ist das Wort an einer Stelle rausgerutscht, an der es nicht wirklich Sinn machte, also im Verlauf umständlich erklärt werden wollte – brachte mich dazu, über Menschenmassen im Allgemeinen nachzudenken.

Wer kennt das nicht: Mensch geht irgendwo hin – Maifest in Kreuzberg, zur Teamstaffel im Tiergarten oder ganz banal: morgens in die S-Bahn. Es ist kuschelig, es ist eng, Gedränge noch und nöcher, zuweilen müffelt es in etwa so lieblich wie das allererste Paar Laufschuhe, von dem man sich auch nach dem 8. Marathonlauf noch nicht trennen möchte.

Da steigt der Gedanke auf: Man, ist das voll hier. Klar, denke ich mir auch manchmal. Aber meist ist’s so, dass ich das dann nicht von mir selber gesagt höre, sondern aus anderen Mündern vernehme: Man, ist das voll hier. Oder: Viel zu viele Menschen hier. Konnotation: Geht mal bitte alle weg.

Ich frage mich dann – und diese Frage ist der Anfang des Grundes, weswegen ich das nur mal denke, aber nicht laut sage: Trage ich nicht, durch mein pures Da-Dasein auch zu dieser Über-Füllung des jeweiligen Ortes bei? Und: Geht es nicht genau dadrum: Den Ort, die Veranstaltung, das Event voll zu bekommen? Das Maifest oder (dooferweise) auch die Silvesterfeier am 3. Oktober vorm Brandenburger Tor (beides ist irgendwie gleich schnöde, deswegen die Verkettung als ein Begriff) sind doch Magnet für Menschen-Massen. Es mag nicht ihr einziger Sinn sein, aber irgendwie sind sie doch „für die Masse gemacht“, darum gehört es dazu, sich durch 1000 oder noch mehr Personen hindurch zu schlängeln, an Ellenbogen und verschwitzten Armen vorbei, mit Zigarettenasche, die einem in den Bier- oder Cola-Becher tröpfelt, immer lächelnd.

Außerdem: Schwingt in einem achtlos geäußerten „Man, ist das voll hier!“ nicht auch mit, dass man denkt: Zu viele Menschen, ganz allgemein? Die „Das-Boot-ist-voll“-Symbolik drängt sich mir auf – ein Bild, dass all zu oft und all zu gerne benutzt wird, wenn es darum geht, zu sagen: Ich bin hier richtig, ich darf hier sein, die anderen sind zu viel. Sind falsch, deplatziert, bedrängen mich.

In einer Stadt mit 4 Millionen Menschen, auf einem Planeten mit 7 Milliarden Menschen, wie leben wir da zusammen – irgendwie so könnte man argumentieren, und sagen: Irgendwo ist doch ganz natürlich(?) eine Grenze. Wer zu viel ist, ist zu viel!?? Dann aber liegt nahe, zu fragen: Wer fragt, und von wem aus wird bestimmt, wer zu viel ist, und wer noch ins Boot passt?

Vielleicht sollten wir die Frage menschlicher stellen, ohne die emotionslosen Zahlen: Auf einem Planeten mit Menschen – wie leben wir da zusammen? Dann ist auch die quälende Konnotation von „Geht mal alle weg, bitte“ weggegangen. Die war nämlich zu viel.

 

 

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Ein Kommentar zu “Man, ist das voll hier!

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