Home

Ein weißer Blick auf die Welt ist immer voreingenommen, bestenfalls ist sich der Betrachter über seine Position so halbwegs im Klaren, und weiß, dass Reflektion Not tut. So guckt der durchschnittliche weiße Westerner gern auch Filme über anderes Elend, Filme in einer exotischen Szenerie, die das eigene Selbstwertgefühl steigern, indem sie kulturelles Wissen um beispielsweise die Entwicklungsbedürftigkeit in anderen Ländern vermitteln.

Slumdog Millionaire ist einer dieser Klischeefilme, die Elend andernorts darstellen, mit Stereotypen arbeiten, einen mehr oder weniger oberflächlichen Eindruck vom Leben in den Slums von Mumbai  vermitteln. Eine andere Lesart ist dabei sehr viel kritischer: Die Zeit zitiert Amitabh Bachchan, indischen Filmemacher: Slumdog Millionaire sei poverty porn. Die Zurschaustellung elender Lebensverhältnisse paart sich allerdings auch mit einem joie de vivre: Am Ende, da küsst die Hauptfigur Jamal Malik die langvermisste, langgesuchte Latika. Der Film wird dadurch reduziert auf eine Liebesgeschichte, kanalisiert sich zu diesem einen Kuss, und verdrängt die in Rückblenden erzählten reality bites, die Erlebnisse, die Jamal, sein Bruder und Latika als Waisen in den Slums erleben mussten.

Der Ausgang des Films ist demnach, wenn er es nicht auch schon zuvor ausschließlich war, Kitsch. Klischee. Komplexe Probleme  – Jamal erzählt, wie ihm die unglaublichsten – die schrecklichsten – Dinge passiert sind, fast wie Forrest Gump, nur irgendwie andersherum – lassen sich durch ein verliebtes Happy End lösen; Jamal hat seine Latika, sie lieben sich, der zum Kriminellen gemachte Bruder ist erschossen, hat als letzten Akt seines verschüttet geglaubten Moralwesens noch zu Latikas Flucht beigetragen, den Kriminellenboss getötet, bevor er das eigene Leben opfert. Aber all das, das Dreckige, kanalisiert doch in einem sonnigen Kuss, am Bahnhof, ein Aufbruch.

Und doch – die Schnitte und die Erzählweise des Films sind beeindruckend, mitreißend. Da wird Elend erzählt, und doch fühlt man sich gut. Am Ende wird Bollywood getanzt; ich nehme mir vor, doch den ein oder anderen Bollywood-Film auf meine Watch-List zu setzen. Indien kommt näher, mir ist, so ich es denn will,  ein Schritt in Richtung Entwicklungshilfe gelungen. Slumdog Millionaire ist ein Klischeefilm, der Wirkung hat und unterhält. Als weiße Betrachterin bin ich gut gelaunt, nach 120 Filmminuten nehme ich den Slum wieder aus dem Player, und mein Gutmenschengedanke an Entwicklungshilfe verschwindet hoffentlich auch in den nächsten Tagen wieder von allein. Es gibt da ja noch so viele andere Filme auf der Watchlist.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s