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Eben diskutierte ich am Beispiel von Slumdog Millionaire den weißen Blick auf nicht-weiße, nicht-westliche Elendsszenarien. Im Rahmen der „Linken Buchtage Berlin“ habe ich mich mit Julia Reifenbergers Buch „Girls with Guns“ befasst. Auch hier geht es um die Frage: Wer schaut zu, wer schaut weg und warum?

Der komplette Titel des Buches macht deutlich, worum es geht, und zwar insbesondere durch das Fragezeichen, das ihm nachgestellt ist: „Rape and Revenge Movies als radikalfeministische Ermächtigungsfantasien?“ Das kleine Buch (120 Seiten, 50 Fotos) ist eben erst (April 2013) erschienen, es untersucht Motive und Bilder, untersucht die im Film dargestellten Vergewaltigungen als Zerstörungsversuch, männliches Ritual oder als so was wie ein Eigentumsdelikt.

Dabei stellte Reifenberger zu Beginn ihres Vortrags im Berliner Laidak am 12. Juni die These auf, dass in Rape and Revenge-Filmen Frauen die passive wie aktive Gewalterfahrung zwingend benötigen, weil ohne diese keine Macht über sich selbst zu erhalten sei – so zumindest das in den Filmen reproduzierte Credo. Die dargestellte Gewalt ordnet dabei die R+R-Movies in die Subkategorie des Horrorfilmes ein – die Frauen werden als das Monster gezeichnet, nicht die vergewaltigenden Männer sind ungeheuerlich. Bezeichnend hierbei sind Original und Remake von „I spit on your grave“. In der Version von 1978 zeigt die Schlussszene Jennifer Hills als überlegen. Im Remake taucht sie tatsächlich als Monster auf, als angsteinflößend und dem Horrorgenre alle Ehre machend.

Sollte das Genre als radikales weibliches Empowerment (?) gelten, so doch um den Preis, in eine durch und durch brutale Sphäre eingebunden zu sein. Rape und Revenge-Movies leben von der sexualisierten Gewalt, selbst kleine Nuancen im point-of-view, also in der Darstellung der eigentlichen Vergewaltigung (Opfer- versus Täter-Blick, Inszenierung versus Zelebrierung der Gewalt) machen die untersuchten Filme immer noch zu einem Produkt für männliche Zuschauer. Zwar, so Reifenberger im Vortrag, macht die Erwartbarkeit der Vergeltung eine weibliche Angstlust sicher möglich. Viel wichtiger, weil kruder, ist jedoch m.E. die Komplizenschaft des Publikums: Rape+Revenge-Filme zeigen Frauen allzu oft als die Schuldigen – ein kurzer Rock, der im Vorgeplänkel des Films gezeigt wird, lange, nackte Beine – die Frauen werden so als Provokateurinnen der an ihnen verübten Gewalt gezeichnet.  Die systematische Sexualisierung von Frauen in Verbindung mit Gewalt wird ausgeblendet, der Ausweg wird als Re-Genderung der Frau gezeigt: Die „kastrierte“ Frau, sinnbildliche Angst der Männer, kann sich nur als phallische Frau mit Waffe behaupten.  Die Darstellung der verwischten Gender-Grenzen wird dabei, so Reifenberger, als Monstergeschichte in Szene gesetzt.

Ein Fazit des Vortrags zu ziehen fällt mir an dieser Stelle nicht leicht; Wortmeldungen attestierten Reifenberger, eine eher positive Bilanz zu ziehen, das Fragezeichen am Ende des Buchtitels zu verwischen. Insgesamt aber gibt das Buch doch Handwerkszeug zur Filmanalyse, die im kultur- und filmhistorischen Zusammenhang betrachtet wird. Bestellbar ist es über fembooks.

 

 

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