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Klingt ähnlich schräg wie Kabelsalat: Tonmüll im öffentlichen Raum

Musik hören in der S-Bahn. Ich mag ja gerade das aktuelle Arcade-Fire-Album. Oder Alison Goldfrapp. Oder Hocico. Oder I Blame Coco. Oder (immer noch) Aesthetic Perfection. Tolle Stimmen, schnelle Rhythmen, ein harter Bass. Alles Gema-Werterhöher, die ich gern in die heimische Stereoanlage packe oder beim Laufen mitnehme. Stimmungsaufheller oder Melancholieverstärker, je nachdem.

Ich mag Musik, mag jede einzelne der genannten Bands bzw. die meisten anderen Sachen in meiner Streaming-Liste auch. Aber eben: jeweils einzeln. Annie Crane und Suicide Commando gehen irgendwie nicht im Duett, genauso wenig wie Adele und Helge Schneider. Trotzdem: Jetzt, wo wieder ein Semester begonnen hat, wo die Menschen zu frösteln beginnen und statt mit dem Rad mit den Bahnen zur Uni oder Arbeit (oder Uniarbeit) fahren, werden nicht nur Ton Steine Scherben mit den Onkelz zwangsvereiratet, sondern auch die Ärtzte mit den Hosen mit Tim Bendzko. Und ich sitze mittenmang.

Von allen Seiten kreischt es aus den Kopfhörern der Leute, die um mich herum im RE1 eingepfercht sind. Keine ganzen Lieder, keine kompletten Songs. Nein, hier ein Takt, da eine Strophe, deren Lyrics im Husten meiner Stehnachbarin verschluckt werden. Tonmüll wabert durch die Bahn, kleine, von Handys und iPads losgerissene Gitarrenriffs, die sich mir in die Ohren bohren, und sogleich auf schlecht getunte Schlagzeugtöne treffen.

Jetzt bliebe: Einfach selber Stöpsel in den Gehörgang und die Welt da draußen stumm stellen. Aber ach – manchmal, da will ich … lesen. Den Gedanken nachhängen, einfach mal kein neues Album trällern lassen. Aber, ach – wenn ich dann, mit müdem Blick – ja, Montagmorgende tun viehisch weh, besonders vor dem ersten Kaffee – meinen Nachbarn ansehe, in der Hoffnung, meine zerknirschten Augen mögen ihm verdeutlichen, dass ich seine Musik und die seines Nachbarn und seiner Nachbarin und die Musik der 17 Leute um uns alle herum NICHT mag – dann laufe ich Gefahr, als spröder Musikverächtling zu gelten. Dabei … mag ich Musik doch. Sehr sogar. So sehr, dass ich Travis und Thou Shalt Not gern ihren eigenen Raum gebe, statt ihre Songs zu Tonmüll zu verwerten.

Wenn die Menschen in den Regionalbahnen der Welt doch alle in Sennheyser investierten, oder wahlweise die Lautstärke zurückdrehten – die Welt wäre ein besserer Ort. Nicht ich, die morgens knirschend dem Musikmüll entgegenstiert bin der Banause, sondern all die, die The Divine Comedy mit Andrea Berg paaren. Jeden Morgen auf’s Neue.

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