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Leute, denen auf Facebook sonst nur politische Inhalte entfleuchen, posten neuerdings Hochzeitsbilder. Die Freundin ist schwanger, die andere bekommt demnächst ihr zweites Kind. Alle haben Staatsexamen, Funktionsstellen oder beenden morgen ihre Dissertationsschrift. Da kann schon mal der Eindruck entstehen, wir werden erwachsen, und wenn nicht das, so dann doch zumindest alt. Wenn man dann die freudigen Mitteilungen von Freunden, die jetzt einen Job im Kundenservice von irgendwas ergattert haben, fast nur müde belächeln will – sowas habe ich früher gemacht, als NebenJob – bin ich dann … snobbish? Wo ist der kleinePUNK in mir, der niemals erwachsen und spießig werden wollte? Jetzt plötzlich (plötzlich?) stelle ich Erwartungen an meine Umwelt; definiere Leute über ihre Lebensläufe.  Ärgere mich, wenn mensch im Elfenbeinturm der elterlichen Finanzspritze lebt, wobei das doch der Luxus ist, den ich selbst gern hätte. Aber hangele ich mich dabei tatsächlich am Curriculum Vitae entlang? Um was geht es mir? Ist diese Äußerlichkeit verwerflich? Sind meine Ansprüche zu hochgeschraubt?

Oder habe ich schlicht keinen Bock mehr, im Privatleben alles erklären zu müssen (in einem Rahmen also, wo mich die Senatsverwaltung für Schule nicht für meine Erklärtätigkeit entlohnt)? Diskriminiere ich … die Jugend, die vielleicht noch nicht weiß, was hinter den Grundwerten wie kritischem Denken, Queerness, linker Politik, Anti-Imp, Anti-Ra, Anti-Semitismus, Anti-Rex steht, um mal auf der politischen Ebene zu bleiben? Sicher, diese Werte sind Verhandlungssache, wir lernen nie aus. Aber kann ich die bei all den Leuten, die ich kennen lerne – zumal, jetzt wo ich alt bin, und die anderen entweder zur Jugend gehören, oder … gleichsam noch viel erwachsener sind als wie ich – immer noch voraussetzen? Und auch … verrate ich mich nicht auch selbst? Den Schuhen, die meinen ökologischen Fußabdruck noch klein hielten, bin ich entwachsen, die Haare sind nicht schick, aber halbwegs ordentlich (halbwegs), außerdem lang und ohne Filzsträhnen. Der kleinePUNK übt sich fleißig in den akademischen Zirkeln, legt dabei Selbstdisziplin an den Tag, liest jetzt bei Scones im Lesezirkel anstatt den Castor zu blockieren. Freunde von mir, auch schon alt, suchen für ihre WG jetzt jemanden, der explizit nicht aktivistisch ist. Ich bin genervt von Weltverbesserern, mag MoonCups nicht und esse gerne Fleisch und warte dabei schon auf die Midlife-Crisis, in der ich Öko-Gartenbau beginne, Konsumboykott betreibe und sonstige Weichmacher auf mich wirken lassen.

Bis die kommt, fröhne ich noch eine Weile der (hoffentlich) Quarterlife-Crisis , arbeite 20 und studiere 35 Stunden, gehe zum Yoga und zünde abends ein Räucherstäbchen an, während mich themenbezogene Podcasts über meine Abschlussarbeit in den Schlaf begleiten. Nach ein paar Wochen fühle ich mich umso älter, aber noch nicht erwachsen. Maybe I need to marry and get kids for the feeling of having grown up.

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