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Depeche ModeHach, klar, ich könnte an dieser Stelle über das ach-so-tolle Depeche Mode-Konzert in der O2-World (!) schreiben, bei dem ich gerade war. Über den Sound, die Songs. Wie toll Dave Gahan aussieht. Wie super er tanzt. Dass er sich schon nach dem ersten Song die Jacke ausgezogen hat, und danach etwas nackter tanzte. Ich könnte über die Menschenmassen in der Sauerstoffwelt, derer ich ein Teil bin, lamentieren, Adorno und die Kulturindustrie einwerfen. Tu ich ja hiermit auch irgendwie. Aber indem ich das tue, kritisiere ich mich selbst, bin ich doch gleichsam Konstituente dieser Masse. Ein Paradoxon, irgendwie.

 

[Zur Masse ließe sich sagen, dass die o2-World Baukästen-Unterhaltung zu liefern scheint, die Gefühle verkaufen soll, was ihr jedoch nur schwerlich gelingt. Die Riesenhalle, die riesen Menschen, Gröhlen und Schunkeln zu Abgeflachtheiten, einer Band, die wie Tapete durch den Alltag wabert, allbekannt ist, wie Supermarkt-Werbung und Fahrstuhlloungemusik. Ein riesiger Raum, der die Künstler vorn auf der Bühnen (einen Kilometer entfernt oder mehr?) zur Unkenntlichkeit schrumpfen lässt; minimal wie sie erscheinen, sind sie doch zig-fach multipliziert; Dave Gahan in Reflektionen seiner selbst auf der Leinwand hinter ihm. Dort laufen Musikvideofetzchen und Installationen; das Publikum, das den Sänger, der nicht mehr in der Hamburger Markthalle spielt, nicht sehen kann, soll bei Laune gehalten werden, unerlaubt aber wäre es, einfach nur die MTV-Videos der Band zu spielen, da dies wohl das Gefühl verstärken mag, dass man die Show auch zu Hause hätte sehen können. Zwei Mal weniger zu einer Mega-Band gehen, und man hat die 300 Euro für einen eigenen Beamer aber raus und kann sich eine (nicht sexistische) Bühnenleinwandperformance selber basteln. Als Dave Gahan nimmt man einen Jungen aus der Nachbarschaft; wenn die Distanz zum Beamer weit genug ist, sieht eh kein Schwein einen Unterschied.]

Lassen wir die Masse außer Acht, und betrachten wir die Scham. Die O2-World, und mit ihr das Depeche Mode-Konzert, sind ein Paradebeispiel an Sauberkeit. Das Konzert an einem Montagabend; die Selbstoptimierung und mein Schichtplan sagen, dass es keinen Alkohol gibt, also keinen Exzess, am Ende gehe ich unverschwitzt aus der Halle, die schön bestuhlt war, alles reinlich wie eine zur Kindlichkeit entwachste Scham – man vergleiche hierzu den aktuellen Beitrag im Magazin der Süddeutschen Zeitung. Wir konsumieren, konzertisieren – und bleiben doch im Zaun. Lust sieht anders aus, kein Wunder, dass am Ende die o2-Welt kein Gefühl verkauft.

Und wo wir schon beim Thema Schämen sind: Enjoy the Silence war unterlegt mit quasi-nackten Frauen in einem quasi-Käfig, denen es sichtbar zu eng war, die sich Haarsträhnen von den Augen wegbliesen, immer wieder während der Langversion des Songs,  sich aber sonst nicht regen konnten, eingepfercht und eingeengt. Von Genuss konnte keine Rede mehr sein, und in einer Halle mit 15000 Menschen klappte auch der Versuch, mir (Sex-Positivism ahoi!) vorzustellen, das wäre Fetisch und nicht Kackscheiße, leider auch nicht. Die Frauen im Quasi-Aquarium. Nackter als Fische im Goldfischglas. Die Band und die Masse in Quasi-Trance. Die Gnade der frühen Geburt hätte mich ja vielleicht in die Hamburger Markthalle geschickt. Ob Depeche Mode dort auf das Aquarium und dessen Installation verzichtet hätten – keine Ahnung. Zumindest aber wäre die Projektion in der Markthalle kleiner ausgefallen – vielleicht subtiler.

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