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Nun, mit jedem Tag, jeder Minute, werden wir älter. Das liegt in der Natur der Sache. Wenn wir nicht im Auto sterben oder einfach eines Morgens nicht mehr aufwachen, stehen die Chancen nicht schlecht, dass wir nicht einfach nur älter und somit reifer sondern auch irgendwie erwachsen werden. Erwachsen werden. Darüber hab ich neulich schon mal was gebloggt, und bereits auch den Gedanken geäußert, dass ich – keine wirklich klaren Gedanken zum Thema growing up habe. Was heißt das, will ich das – erwachsen werden? War da nicht was von wegen Spießigkeit, Langeweile,Lebensende? Oder muss ich’s positiv umdeuten, an die Weiterentwicklung denken, daran, dass ich next steps gehe, mich nicht im Kreis drehe, sondern voran komme? Ist das das Erwachsenwerden?

Ein Freund sagte neulich: Irgendwann ist ja auch der Kind-Status weg. Sagt er so, während ich zusammen zucke. Und setzt das, als ich gucke, fort mit: Er sei stolz, niemals die Hilfe seiner Eltern angenommen zu haben. Und jetzt, jetzt sei es eh zu spät. Er ist kein Kind mehr.

Da sitzt er, der Kindheitsfreund, und sagt, er sei jetzt ein Großer. Klar – ist er, ich schaue zu ihm auf, nicht wörtlich, aber symbolisch, dafür immer. Er, dessen Leben ich bewundere, der jede Unterstützung verdient hätte (und wirklich ne Menge Kredit hat), sagt er sei froh, es alleine zu schaffen. Ist das ein Zeichen von Erwachsenheit? Was mich erschreckt ist die Tatsache, dass er die Kindheit so hinter sich sieht, längst ist sie keine Konstituente seiner selbst mehr.

Ja. Ich will den Fortschritt. Ich will weiterkommen, habe Pläne. Will über mich hinaus wachsen. Aber er-wachsen?

Nein, ich sehe das Leben nicht anhand von Checklisten. Meine Werte definieren sich nicht über die Einträge im CV-Muttiheft meiner Freunde. Ich mag, wen ich mag, und zwar nicht für „meinHausmeinAutomeinBootmeinegeileKarriere“. Aber, während ich spaziere, wird mir klar: Ich will nicht erwachsen werden. Weil ich’s nämlich immer schon war, viel zu früh sein musste. Entscheidungen treffen, Ängste runterschlucken, schlau sein, Tränen fressen. Wer früh das Leben ins Gesicht gedämmert bekommt, wessen Traurigkeit Grundkonstante ist, wer nicht das Meerschwein im Garten verbuddeln muss um den Tod als Teil des Lebens zu akzeptieren (kennen zu lernen, at least) – wessen Leben tiefer geht, vielschichtig, komplex, beschissen zuweilen, groß und raubend ist – der wird behütete Idyllen immer als Kinderei empfinden, als Erfahrungsarmut, die von keinem, der im Schosse sitzt, je aufgeholt werden kann.

Also drücke ich die Shuffle-Taste und lasse Melodien des Früher in meinen Gedanken im Repeat1-Modus laufen. Ich wünschte, ich könnte meinen Wunsch-Chor basteln, aber das geht nicht. Von dem Song spiele ich nur einzelne Töne; das Gesamtwerk will niemand kennen. Aber die Gegenwelt der Erwachsenheit – sie summt sich mir ins Herz. Brummend zwar, aber doch schön. Ich stoße die Angst weg; und wenn sie nicht gestorben sind, sagt die Kindergeschichte, erwach(s)en sie noch heute.

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2 Kommentare zu “Kindheit im konstanten Replay

  1. Schöner Ansatz: Statussymbole nicht als Indikator fürs Erwachsensein und Erwachsensein nicht als Statussymbol. Und mir gefällt der Gedanke, Fortschritte zu machen; weiser, klüger, selbstständiger, leidenschaftlicher zu werden; sich selbst zu verbessern, ohne von außen aufgeholfene Zielvorgabe und Checkliste. Die Schublade „erwachsen“ verstehe man besser nicht als Telos, denn was viele erleben, wenn sie offiziell diesen Status erreicht haben, sind grauer, eintöniger, festgefahrener Alltag und Verantwortungsstress. Dann sehnen sie sich wieder nach der verlorenen Kindheit, die (obgleich zuweilen übertrieben behütet) doch irgendwie viel näher am echten Leben war, als die Konformität mit Leistungsgesellschaft und Rollenverteilung.
    Den Aspekt der „verlorenen Unschuld“ erwähne ich hierbei nur am Rande, weil er mir psychohistorisch zu komplex und umstritten für einen Blog-Kommentar ist. (moderne, friedliche Kindheit –> plötzliches Erwach(s)en)

    • Es ist doch viel murksiger, komplexer uns verworrener: Erwachsensein wird quasi zum Statusobjekt, wenn nämlich ich als Parallelleben einen Ansatz verfolge, der Leben generell auf einem anderen Level verortet. Wenn Erfahrungen, bitterböse, reflektierenswürdig, manche Menschen mit einem tiefkomplexen Leben auf dem Planeten aussetzen, dann ist dies Leben parallel und kann von anderen Menschen, die parallel nur mal eben ihr Meerschwein begraben haben, nicht eingeholt werden. Dieses Erwachsen-Sein kann also durch klassische Statussymbole nicht erlangt werden (nicht mal dadurch), ist eben nur manchen Menschen zugänglich.

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