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Als ich das letzte Mal nachsah, war ich nicht allein auf der Welt. Um mich herum waberten Menschen, hier und da und viele. Ich bin kein Elefant im Porzellanladen, also achte ich auch ein wenig auf diese anderen Menschen, die da um mich herum leben. Und übe mich in Rücksicht. Ich beiße im Beisein anderer beim Essen nicht auf mein Besteck, um es mit fiepigem Geräusch zwischen den Zähnen entlang zu surren, produziere möglichst keine Fingernagel-Kratzgeräusche an der Schultafel, höre in der S-Bahn tendenziell nur leise Musik, rauche nicht an Bushaltestellen und pinkle hinter verschlossener Tür.

Ist es da ein zu großer Wunsch, dass auch andere Menschen derartige Rücksicht zeigen mögen? Berlin Alexanderplatz, Samstagnacht. Ich will runter zur U2, mache aber auf dem oberen Treppenabsatz gleich wieder kehrt: Da stehen, hintereinander aufgereiht, 3 Typen, die eben jeweils ihren Pimmel entblößt haben und nun fröhlich vor sich hin gegen die Wand strullern. Ich warte gar nicht ab, bis der letzte Liter Bier sich über die Treppe ergießt; ich drehe sofort um. Wäre ich eben aus der U-Bahn ausgestiegen, und hätte demnach die Treppe nach oben gehen wollen, mir wäre die öffentliche Pimmel-Präsentation erspart geblieben, ich hätte von den pissenden Ärschen am U-Bahnhof jeweils nur den Hintern gesehen. Aber so: Ieh. Murks. Es gibt Dinge, die will ich nicht en passent sehen, Facebook-Bilder von tödlichen Motorrad-Unfällen oder eben fremde Geschlechtsteile, ausgepackt mitten auf der Straße, gehören eindeutig dazu. Zumal die Gesellschaft hier mit ner Doppelmoral misst: Die primären Geschlechtsteile stillender Frauen, wenn im öffentlichen Raum entblößt, erregen in der Regel weitaus mehr Aufsehen als das weithin geduldete Urinieren gegen Gemeingut. Dabei unterstelle ich hier mal eindeutige Qualitätsunterschiede zwischen Muttermilch und bieriger Pisse, und gestehe dem Hunger-gestillten Säugling zu, dass er, im Bedarfsfall, eben nicht lange geduldig auf sein Essen warten will. Sind betrunkene Männer in einer beliebigen Samstagnacht weniger geduldig als ein Neugeborenes?

Ich bin nicht gegen Exzesse, sondern gegen unentwegte Selbstoptimierungsansprüche. Ich mag feiern, ich mag Bier, ich kann, wenn hungrig, wahnsinnig quengelig sein und ungeduldig. Ständige Gebote, man möge hier und da besser werden, nerven mich. Permanenter Verzicht und all zu viel Disziplinanspruch sind nichts für mich. Aber aus Erfahrung weiß ich: Pullern kann warten, und: Es gibt sowas wie öffentliche Klos. Ich hocke mich nicht einfach irgendwo hin. Soviel Selbstdisziplin ist machbar, selbst ne schwache Blase kann Rücksicht in Betracht ziehen.

Ist es zu viel,  von der vermeintlich anderen Hälfte der Menschheit etwas mehr Geduld zu erwarten? Der U-Bahnhof Warschauer Straße ist schon lange keine Blumenwiese mehr; das permanente Gelb in seinen Ecken kein Butterblumenmeer. Das Halbverstecken ist eine Farce; wer aus der falschen Richtung kommt, bekommt den vermeintlich verborgenen Anblick dennoch entgegen geschleudert. Public Pimmel und public Pisse sind und bleiben nervtötend, eine Belästigung in vielerlei Hinsicht.

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