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Na, noch immer mit dem Neujahrsvorsatz eines besseren Lebens beschäftigt? Seit kurzem also Vegetarier und die Umwelt am Kantinentisch stellt bohrende Fragen? Iss Gutes und sprich darüber? Warum Leute, die besser essen, nicht missionieren müssen – Frühstücksgedanken.

 

Gestern Abend im Friedrichshain: Die Rigaerstraße nächtelt vor sich hin, überall dunkelt es, nur in der Burger Wehr ist die Funzel auf „grell“ gestellt. Trotz der wenig herzerwärmenden Beleuchtung bestellen wir Essen: Der Kumpel neben mir ordert einen Bacon-Burger (laktosefrei), ich selbt wähle einen Seitan-Burger mit Käse. Die Münder um die Brötchen geschlungen, kommen wir ins Gespräch über Fleisch und Kein-Fleisch. Ich sage, dass ich seit 5 Wochen kein totes Tier mehr gegessen habe. Es folgt das große „Warum“, auf das hin ich erkläre, ich sei im Januar im Ozeaneum im Stralsund gewesen, und dass dort der Zusammenhang zwischen einem Lachsbrötchen und dem Kilo-schweren Tod, „Beifang“ genannt, anhand einer Sättigungsbeilagen-Inszenierung ziemlich anschaulich gemacht wurde. Und dass ich seither gerade kein totes Tier essen mag. „Aha“ entgegnet der Kumpel. Ob ich denn jetzt nicht anfangen müsste, andere von meinem neuentdeckten Vegetarismus zu überzeugen, fragt er. Wenn ich alleine auf Fleisch verzichte, dann bringt das doch nichts, meint er, und beißt von seinem Burger ab.

 

Mit dem guten Leben hausieren gehen? Jetzt, wo ich vermeintlich ökologisch(er) lebe, anderen meine Meinung überhelfen, erklären, wie gut und wie sinnvoll es sei, bewusster, gesünder, nachhaltiger zu leben? Klar, zusammen essen initiiert Gespräche über das, was da auf unseren Tellern liegt. Für Manche Anlass, gleich ihre gesamte Verdauung auf den Tisch zu packen und farbenfroh vom eigenen Käckerchen zu berichten. Für den ultraorthodoxen Vegetarier hieße das Pendant zu derartigem Mittagspausen-Terrorismus wohl: Den Kollegen am Kantinentisch, die eben Bratwurst anstatt Pasta mit Tomatensoße gewählt haben, Schlachtszenen auf Servietten zu drucken und von Leidenskampf und Todeskrampf der Fleischbeilage zu erzählen. Wie die häßlichen Bilder auf Zigarettenpackungen, nur in derbe-blutig, un-niedlich und schon gestorben. Aber wenn irgendwo an der Bushaltestelle eine raucht oder in der S-Bahn 7 Sitze entfernt Tonmüll produziert, packt mich ja auch nicht jedesmal der Diskussionseifer. Ich verdrehe da nur die Augen, stöhne und geh woanders hin, irgendwo in den Regen, vor dem der Raucher in seinem Bushaltestellenhäuschen geschützt ist.

 

Wie also umgehen, mit dem Vegetarier-Versuch? Was sich hier gegenüber steht, sind Fragen um Selbstdisziplinierung und Genussverzicht auf der einen, Fairness, Solidarität, Moral auf der anderen Seite. Ist dem so? Habe ich, wenn ich nun mal Chipotles Steak-Burrito sehrsehr mag (und dafür extra nach Paris fahre), ganz gewiss keine Moral? Sollte ich die überhaupt haben? Ist Moral nicht völlig old school? Und bedingt, was ich wie esse, auch einen Missionsauftrag? Muss ich, wenn ich vegetarischvegan esse, weiterhin davon ausgehen, dass das ja die markierte Form vom Speisen sei, und daher immer erklärungsbedürftig? So wie ich nicht einfach schwul sein kann, ohne mich unentwegt vor die Rechtfertigungsfrage gezogen zu sehen, wann ich denn entschieden hätte, Sex mit Männern zu haben?

 

Bei Tischgesprächen frage ich die Menschen meistens nicht, warum sie Vegetarier sind, oder Veganer. Sie werden ihre Gründe haben. Gute Gründe. Klar, kann man nachfragen, Diskurs bildet, Reden bringt Revolutionen hervor. Manchmal glaube ich aber, dass der unterstellte Genussverzicht beim vegetarischen Essen da beginnt, wo man immer wieder die ewig gleichen Fragen exerziert. Warum-denn-Rechtfertigungs-Kanons. Anstatt einfach den veganen Rote-Beete-Burger genießen zu dürfen, beantworten, warum man anders is(s)t.

 

P.S. Wahnsinnig gute Gespräche über Fleisch und Kein-Fleisch habe ich übrigens mit M., die bei Halbzeitvegetarier aktiv ist, geführt. Mit ihr esse ich immer wieder gerne Scones, Apple Crumble mit Kokos-Kaffee! Und auch das Gespräch mit dem Kumpel verlief sehr viel angenehmer und ohne zu viel Rechtfertigungszwang, so dass ich mich vielmehr über die Gedankenanregung freue, als mich in dem Fall aufzuregen.

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Ein Kommentar zu “Missionarsstellung?

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