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Der ESC am letzten Wochenende (den ich immer noch „Grand Prix“ nenne, weil ich, bis auf den symbolisch relevanten Sieg von Conchita Wurst – deren Gewinnersong ich bis jetzt noch nicht gehört habe – den Diskurs um Grand Prix/ESC so gar nicht mitverfolge) brachte eine Diskussion ins Leben, die sich gestern, beim Lesekreis zum „Barbie-Feminismus“ der Mirna Funk, erneut entfachte. Es ging um die Frage der Deutschen als „Wir“. Jemensch hatte gesagt: „Jetzt haben wir XY Punkte bekommen von YX“, darauf die Nachfrage von jemand anderem: „Wir?“ Die Fragezeichen waren groß und multipel, verbunden wohl mit Ausrufungszeichen des Entsetzens. Wie könne man sich, wenn man sich als reflektiert und links verorte, mit einer Wir-Aussage zu „den“ Deutschen dazugesellen, sich subsumieren unter … die Erben des Tätervolks?

Ich will an dieser Stelle nicht stellvertretend antworten, sondern ein paar eigene Gedanken zusammenfassen. Sicherlich: Im Zuge dessen, dass ich eigene Privilegien (die z.T. Minimalstandards für alle bedeuten sollten) gefälligst zu reflektieren habe, gehört es dazu, dass ich anerkenne, dass ich, indem ich in Deutschland geboren und großgeworden bin, so einiges an Gimmicks in mein Primark-Täschchen packen kann: Ich profitiere von einer halbwegs daseienden Gesundheitsversorgung, habe an den meisten Orten, an denen ich mich aufhalte, sauberes Trinkwasser, eine Geisteskultur, die mir abstrakte Denkvorgänge gestattet und ja: Einmal im Jahr freue ich mich auf Spargelsuppe im Volks-Park.

Sprich: Ich bin nicht frei von irgendeiner Art deutsch-Sein. Warum aber verweigere ich mich einer Formulierung wie „wir Deutsche“? Nun, zunächst sollte es jeder Person frei stehen, sich selbst zu bezeichnen. Dass dadurch Fremdzuschreibungen nicht per se gesteuert werden, ist eine Realität, die Mirna Funk leider übersieht. Sie tut das im Kontext einer Anklage gegenüber „Barbie-Feministinnen“, während mein Kontext gerade nationale Identität ist, zumindest irgendwie. Sicher, von vielen, ob in Neukölln, Lichtenberg, im Schanzenviertel oder Sangerhausen werde ich als Deutsche gesehen. Aber muss ich mir dieses Mäntelchen, wenn es doch schon halb über meine Schulter baumelt, noch komplett anziehen und zuschnüren, mich darin einlullen, wenn draußen die Sonne brennt, mir das Deutsch-Sein-Mäntelchen ergo nichts als Bauchweh verursacht?

Viele Menschen, die sich auf ein „Wir“ berufen und damit „die“ Deutschen, oder, kruder noch, das deutsche „Volk“ meinen, tun das in Kontexten, die mir arg zuwider sind: Macho-Fußball-Wettspiele zum Beispiel. Veranstaltungen, in denen viele arge Nationalismen auf den Tisch bringen, rülpsen und gar nicht so sehr passiv-aggressiv sondern richtig aggro durch Straßenbahnen und Busse torkeln.

Solch ein „Wir“-Gefühl beruft sich, m.E., auf ein ziemlich fiktives Konstrukt, dem eine zu große reale Macht zugeschrieben wird, wenn es nämlich um die Frage von Grenzen, Zuwanderung und wer-darf-wo-einfach-so-leben geht. Das „Wir“ wird in meiner Erfahrung zu oft als eine Art Boot gedacht, dass dann „voll“ sei, und zu kentern drohe, siehe die rassistische Mobilisierung Anfang der 1990er Jahre oder die Debatte um die Zuwanderung aus Rumänien zu Beginn dieses Jahres.

Sicher, man kann Deutschland als rein demographisches Konstrukt sehen und aus diesem, und vielleicht einigen anderen Gründen, vielleicht Pragmatismus, auf ein „Wir“ rekurrieren. Ich aber, und das Recht habe ich, kann mich dieser Sprachverwendung entziehen; das Mäntelchen muss mir nicht passen, bzw. bin ich nicht dazu gezwungen, dem Regenschutz, welcher mir Krankenversorgung und Kultur gibt, auch bei vermeintlich schönstem Mützchenwetter zu huldigen. Zumindest wünsche ich mir, dass neben der Zuschreibung, die all zu oft erfolgt, meine Selbstverortung ein Zeichen setzt. Klar, das kulturelle Gedächtnis mag mich als „deutsch“ und damit in den Grenzen dieses „Wir“ verorten. Weil ich in dem bundesbürgerlichen Spiel um Etabliertenvorrechte, die diejenigen, die später kommen, keinen Platz zuschreiben wollen, nicht mitspielen mag. Weil ich mich dem Mainstream verweigere, dessen nationaler Chauvinismus an sexistische Machtstrukturen gekoppelt ist. Weil ich keinen Bock auf die „Festung Deutschland-Europa“ habe, auch wenn ich ziemlich oft ein trockenes Kaminplätzchen ergattere, in dessen Ohrensessel ich Adorno und Foucault lese(n kann) oder mehr praktische Texte zur Rechtsextremismustheorie. Diese Freizeitbeschäftigungen machen sicher irgendjemensch Deutsches aus mir. Ein „Wir“ mit gröhlenden Fußballprolls will ich daraus nicht konstruieren (aber auch nicht implizieren, es gäbe „gutes“ und „schlechtes“ Deutschsein).

 

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