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Man muss nicht jede Buchneuerscheinung erworben, heruntergeladen oder gelesen haben. Ein grober Überblick über das, was angesagt ist, reicht ja oft, für die Fahrt im Fahrstuhl, zum Campus im kuscheligen RE1 oder wenn man ein paar durchdachte Kritikpunkte zu Denis Scheck hervorzaubern mag.

Wer’s gern fundierter mag, und den deutschen Literaturbetrieb der letzten 10-15 Jahre nicht unkritisiert und widerstandslos hinnehmen will, und ihn stattdessen auf sein Potenzial, die deutsche Schuld ästhetisch verarbeitbar zu machen hin untersuchen will, dem sei der von Jan Süselbeck herausgegebene Sammelband „Familiengefühle. Generationengeschichte und NS-Erinnerung in den Medien“ empfohlen. Während Judith Poppe von der taz im Rückblick auf die Linken Buchtage, die am vergangenen Wochenende im Berliner Mehringhof stattfanden, bemängelte, dass ebenjene, sprich: die Buchtage, zu wenig Raum für Romane ließen, so finden wir diese just in Süselbecks Sammelband – wenn auch aus akademisch-analysierende Position. Im Buch geht es u.a. um Bernhard Schlink und Uwe Timm, aber auch um Graphic Novels und Dokumentarfilme. All jene untersuchten Werke eint, dass sie sich mit dem Thema Nationalsozialismus und dessen Aufarbeitung auseinander setzen – zum Teil jedoch durch heftige Emotionalisierung, die mitunter eben dazu dienen soll, von deutscher Schuld zu befreien.

Schuld und Scham stehen auch in Malte Ludins Dokumentarfilm „2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß“ im Vordergrund, mit dem sich der Beitrag von Konstanze Hanitzsch befasst. Die Lektüre lohnt – schon allein, und hier muss der taz-Autorin Poppe Recht gegeben werden – weil die Lesung zum Buch „Familiengefühle“ hochakademisch vonstatten ging, und, obwohl interessant und dialogisch durchgeführt, für einen sonnigen Sonntagnachmittag bisweilen kaum verdaulich war. Die Nacharbeit lohnt umso mehr.

„Psychohistorisches Experiment“ und „Wegmarke für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Nachkommen von nationalsozialistischen Täterinnen und Tätern“ – das sind einige der Urteile, die Hanitzsch in ihrem Beitrag über Ludins Dokumentation zusammenfasst. Ludin, dessen Vater zu den Tätern zählt, untersucht mit Hilfe seines Films, wie die Schwestern die Familienerinnerung tradieren, und wie sich nur eine von drei Schwestern langsam dazu überwinden kann, sich der Schuld und der Scham, die die Familie umgibt, bewusst zu werden.

Hanitzsch Analyse des Films findet vor dem Hintergrund soziologischer Theorie statt. Sie verwendet Foucault und Jean Paul Sartre um den Begriff der „Scham“ zu verstehen, und bezieht sich auf Björn Bohnenkamp, um – aus Gender-Perspektive – herzuleiten, was unter „doing generation“ zu verstehen ist. Hier nämlich finden wir die Verknüpfung von Nationalstaat und Generation. Beides stellt ein Ordnungsprinzip da, dem im Kleinen die Familie und auf übergreifender Ebene die Gesellschaft als solche entspricht. Und hier finden wir die Verbindung zur grundlegend-theoretischen Einleitung, die Jan Süselbeck gibt: Generation, das ist in der deutschen Literaturgeschichte das große Thema, auf welches immer wieder rekurriert wird, das Vorabendmehrteiler der GEZ-Bezieher füllt, dabei jedoch keinen natürlichen Begriff, sondern vielmehr ein konstruiertes Thema darstellt. Dennoch ist das Thema wirkmächtig, die NS-Erinnerung in den Medien daher umso kritischer zu betrachten.

Meine eigene Nacharbeit am Buch mag mit der Lektüre der Einleitung und dem Kapitel von Konstanze Hanitzsch noch nicht beendet sein. Die nächste Wiederholung von „Unsere Väter, unsere Mütter“ kommt aber bestimmt – und kann dann durch Meta-Lektüre ersetzt werden. Süselbecks Sammelband und dem Team der Linken Buchtage sei Dank.

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