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Schön-sein? In der S-Bahn-sitzend, die Augen an die Scheibe gepresst, um im verschwommenen Spiegelbild an jedem neuen Bahnhof einen neuen, wiederholten-alten Eindruck von sich selbst zu bekommen: Body Measuring par excellence. Sitzt das Haar, hält die Nase, ist die Haut porenrein, dieselben klein, die Augen dunkel und groß und blau und wach und smoky? Die Selbtvergewisserungsblicke nehmen neurotische Züge an: Macht es einen Unterschied, ob ich zig Mal in den Spiegel blicke, den Schlüssel im Schloss nochmal umdrehe, endlos erinnernd den Moment zurückzurufen versuche, in dem ich die Kaffeemaschine ausgestellt habe (oder nicht?!) Der Prüfblick, ob ich auch ja gut aussehe, jetzt, heute und immer – wird zur Farce, sinnentleert.

Und während ich noch gucke, Strähnchen überprüfe, Lächeln teste, Bauchfalten in den Magen hineinatme, um schlanker zu sein, schöner, menscher – ist im Kopf der immanente Rechner. Statistik. Die Beantwortung der Frage: Bin ich schön? reduziert sich auf Zahlenkleckserei. Denn statistisch gesehen, sagt die innere Mathematik (6 Punkte im Abi, grade eben bestanden), können gar nicht alle Mädchen schön sein. Geht nicht, ist nicht. Wahrscheinlichkeitsvorhersagen und Gaußsche Normalverteilung: Es muss auch plumpe geben, unattraktive, Leute, die häßlich sind. So geht das Gedankenkarussell, das mich sodann wieder aus dem Kreis Begehrter hinauswirft. Irgendwer hat ja das Päckel zu tragen, irgendwer muss doof aussehen. Fifty-Fifty. Denke ich mir, und zieh mir den Schuh an, knicke geknickt den Kopf ein, traurige mich. Kerkere mich.

Aber die Fesseln will ich durchbrechen, will dem Facial Body Measurement entfliehen, nicht die statistische Arschkarte gezogen haben und immer wieder weiter tragen müssen. Die Berechnungen müssen andere werden, sage ich mir, momentarily mutig. Die Haarsträhne – gelockt eigentlich – die nach 7 Stationen Ringzug jetzt platthäßlich an meiner Backe klebt – griene ich an, die Statistik habe ich ausgetrickst. Denn ja – die Strähne heute ist häßlich, mit ihr Nase und Kinn und Zähne und Bauch und Beine und Po – alles Murks. Heute. Aber Fifty-Fifty, schön-versus-plumpgrau verteilt sich ab jetzt nicht mehr auf Menschen, sondern auf Momente! Das macht die Wahrscheinlichkeitsrechnung viel schöner. Für alle, manchmal.

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Ein Kommentar zu “Un-wahrscheinlich schön

  1. Wie sang ein gewisser Herr Cocker doch so herrlich-schmalzig?
    You are so beautiful – to me…
    Gäbe es nur eine „wahre Schönheit“, nur eine „richtige“ Antwort, Musik, Geschmacksrichtung, Stimmung… in was für einer Welt würden wir leben?

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