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Amerikas National Mall ist voll gespickt mit Memorials und Museen, die Museen selbst jeweils eine Gedenkstätte für sich. Das Thomas Jefferson Memorial liegt etwas außerhalb, hinter dem Tidal Basin und ist deswegen vielleicht weniger besucht. Auf dem Weg zu diesem abgelegenen Memorial kommt man, so man gewillt ist, dem Rad ein paar kleinere Umwege zu erlauben, an der

Prolog

Prolog

vorbei. Und die Gedenkstätte ist der Hammer – ich kannte sie bereits im Abendlicht, hatte irgendwann mal die Gruppe hungerleidender Arbeitsloser fotografiert, die in dieses mehrteilige Memorial eingebaut sind, und mich damals, vor 8 Jahren schon, über die First Lady gefreut, die in diesem riesigen Memorial ebenfalls einen Platz gefunden hat.

Diesmal stolperte ich, eher zufällig, in einen Ranger Talk – Parkangestellte erzählen stündlich, kostenlos und täglich Dinge über das jeweilige Memorial, vor dem sie stationiert sind. Über FDR wusste ich ein bissel was, sein Bild fliegt durchaus durch die Geschichtsbücher. Und gleich am Anfang, sozusagen als Prolog für die Gedenkstätte, die in gesonderten „Räumen“ jede der vier Amtszeiten Roosevelts sowie sein Nachwirken darstellt, sieht man den Rollstuhl, in dem FDR, aufgrund von Polio, seine gesamte Präsidentenzeit hinweg gesessen hat. Was mich überraschte – was andere vielleicht schon wussten, ich aber noch nicht: Vor der amerikanischen Öffentlichkeit hat Roosevelt bis kurz vor seinem Tod versteckt, dass er in weiten Teilen an den Rollstuhl gebunden war.

 

First Hund

First Hund

Gewiss, die Zeiten damals waren anders, es gab weniger Social Media, keine Handykameras. Roosevelt wurde mit dem bilderlosen Radio groß; die neue Technik brachte ihn direkt in die Wohnzimmer der Amerikaner, er war „seinem“ „Volk“ so nah wie kein Präsident zuvor. Und doch – das ist verblüffend – wussten sie nichts von seiner Behinderung. Roosevelt hatte eine Übereinkunft mit der Presse und mit Fotografen, er inszenierte öffentliche Auftritte geschickt, und wenn er von großen Balkonen zu den Amerikanern sprach, hatte er zuvor tagelang das Gehen geübt, mithilfe seines Sohnes oder einer Krücke, die ihn stützte, die jedoch unter dem Mantel versteckt war, konnte er für die Dauer seiner Rede aufrecht stehen – kaum jemand bekam etwas mit.

Seine Frau, Eleanor, hat wohl mal gesagt, dass die Krankheit Franklin noch stärker gemacht habe, seinen Ehrgeiz geschärft hätte. Aber: Dass er nicht gehen konnte, war (damals) ein Makel, den es zu verwischen galt. Als die Gedenkstätte gebaut wurde, passierten mehrere beeindruckende Dinge: Roosevelts Frau, Eleanor, die ein eigenes, wenn nicht gar eigenständiges politisches Leben als First Lady führte, sowie der präsidiale Hund Fala, wurden in die Gedenkstätte integriert. Was unsichtbar war und blieb, war Roosevelts Rollstuhl.

Der Rollstuhl, der heutzutage als Prolog dem Memorial vorangestellt ist, ist eine nachträgliche Beigabe, die auf die Initiative der Behinderten-Bewegung zurückgeht. Roosevelts Familie hatte etwas dagegen, dass der Rollstuhl mit-erinnert würde. Und: es gab ja bereits einen Hinweis, ganz klein und versteckt, und nur wer’s genau wußte, achtete darauf – im letzten Raum, dort, wo Roosevelt zusammen mit Fala gezeigt wird, sehen wir den großen amerikanischen Präsidenten, den einzigen mit vier Amtszeiten, in einem Stuhl sitzend, um ihn das Cape, welches den Stuhl verschleiert. Wer kriecht, weil er vorher einen Hinweis bekommen hat, wird sich hinter Roosevelt wagen, und dort die zwei kleinen Räder an dem Küchenstuhl bemerkten, den Roosevelt zu einem Rollstuhl umgearbeitet hat. Ein kleiner, ganz Versteckter Hinweis auf die Inszenierung von Realität. Und darauf, dass eine Süßigkeit wie Fala Sichtbarkeit erlangen darf, die eigene Schwäche jedoch kaschiert werden muss.

 

Hidden Makel

Hidden Makel

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