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Viele Leute haben gute Gründe, selbst bestimmen zu wollen, wie sie genannt werden. Egal, ob dabei aus „Sabine“ „Maja“ wird, aus „Dieter“ „Max“ oder aus „Professor_In“ „Profx“.

Bei mir war’s so: Wann immer meine Mutter am nicht-mehr-so-frühen Abend meinte, sich plötzlich ihrer Tochter zu erinnern, schrie sie, während ihr der Korn noch in der Kehle brannte, über den gesamten Hof. „Saaaaabiiiiiine!“ yellte es über den Wäscheplatz bis runter zu den Gärten, wo ich spielend oder träumend den Nachmittag verbracht hatte.

Derart aus den kindlichen Gedanken gerissen, trottete ich rein zum Abendbrot, in dem unscharfen Gewissen, dass irgendeine Spielart von Ärger auf mich wartete, immerhin hatte meine Mutter nicht „Bine“ gerufen, sondern mich beim vollen Vornamen genannt, und den hatte sie voller Wucht über die Garagendächer gegröhlt. Meist war der Ärger unbestimmt, und hing nur mit ihrer alkoholinduzierten Melancholie zusammen. Nein, ich wurde nicht zielgerichtet zusammengestaucht, bekam keine Standpauke und wurde nicht nach Strich und Faden verprügelt. Meine Mutter pflegte schlicht ihren „Moralischen“ zu haben, und hatte das damit angekündigt, meinen Namen ins Hässliche zu zerren, was mich darauf vorbereitete, dass das Spielen nun beendet war und es für den Rest des Abends galt, das Häufchen Elend, das meine Mutter war, auszuhalten.

Seitdem hat es (keineswegs immer, aber) oft einen faden Beigeschmack, wenn mich jemand bei eben diesem vollen Vornamen nennt. Da schwingt Distanz mit, und so etwas wie die Androhung von Ärger und Gefahr. Manchmal hat’s die Aura des Offiziellen, aber nie vermittelt es mir das Gefühl von Sicherheit oder einer Rückzugsmöglichkeit. Wenn jemand „Sabine“ zu mir sagt, bin ich auf der Hut, irgendwas ist nicht angenehm.

Zum Glück aber bin ich schon ne Große, und zum Glück privilegiert genug, in halbwegs inoffiziellen Kontexten meine Anrede selbst zu bestimmen. Über (jaja eher kurze) Umwege wurde aus „Saaaabiiiiine!!“ „Maja“, was mir heute nicht selten sehr viel lieber ist, auch wenn es an eine gelb-schwarze Pummelfee aus dem Bienenreich erinnert.

Es gibt eine Menge Leute, die einen selbstgewählten Namen zu ihrem bevorzugten Ansprache-Reagieren-Trigger machen, schon allein, um Facebook und alten Schul“freunden“ oder potentiellen Arbeitgebern nicht den offiziellen Suchbegriff in Kombination mit Nacktbildern aus Malle in den Rachen zu schmeißen. So viel Mühe macht es doch nicht, sich an die phantasievollen Aliases in sozialen Netzwerken zu gewöhnen. Und wenn Ihr unbedingt heiraten müsst, nenne ich Euch auch bei Eurem neuen Nachnamen. Könnt Ihr also mit den Hasstiraden gegen all diejenigen aufhören, die einen neuen Namen auch auf ihrer Arbeits-Webseite verwenden wollen? Oder die ganz zu Recht darauf hinweisen, dass sie nicht mit dem N*-Wort angeredet werden wollen? Schließlich will kein Mensch jedes Mal, wenn der eigene Name fällt, erstmal zusammenzucken müssen. Was ist bitte so schwer, an diesem Mindestmaß an Respekt?

2 Kommentare zu “Vom Dissen und von Kosenamen

  1. Wenn ich das gewußt, hätte ich dich nie so oft Sabine genannt, werde mich aber in Zukunft bemühen, es nicht mehr zu tun. Bine dürfte ich wohl aber noch sagen?? Ansonsten geb ich dir Recht, denn auch gerade, was öffentliche Netzwerke und Communitys angeht, sind richtige Namen und Daten wohl fehl am Platz. Mal abgesehen von der Autonomie, sich nennen zu dürfen und zu lassen, wie man es möchte. LG

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