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Lars Eidinger spielt an der Schaubühne was mit Goya. Das ist sexy und muss ertragen werden.

Theater ist nicht so meins. Die Leute sind so exzentrisch, so distinguiert, so schön und mitspielen darf ich auch nicht. Warum hab ich mich da überhaupt drauf eingelassen, statt ins Kino (eine zweite Runde „Pride“) in die Schaubühne zu gehen, zu einem Stück, dessen Titel ich mir bis jetzt nicht merken kann? Ach ja: es kostet nur 9 Euro, und ging auch nur ne Stunde. Ich meinte, das ließe sich aushalten, schon noch irgendwie.

Dann das: Stroboskoplicht-Warnung. Ein einladender Trigger für meine Epilepsie-Ängste. Ich sitz da, während das Publikum gefoltert wird. Lärm und Lärm und dieses ätzende Licht, was soll das eigentlich sein, ich will nicht mehr hingucken, aber FOMO ist bei mir so stark wie die Krankangst. Fear of Missing Out – irgendwas geht da vor sich, ich will hingucken, wie der auf der Bühne sich entstellt, entfratzt, der zittert und zuckt im Stakkato-Licht. Hört das nie auf? Dann setzen sie noch mehr Lärm obendrauf, wie Disco soll das sein, und sie fingieren Exstasy und Meth und so, und mir geht dieser Hipster-Scheiß so dermaßen auf den Sack. Ich weiß, dass die uns quälen wollen. Die Zuschauerreaktionen sind berechnet, dass muss weh tun, in den Ohren, und stechen in der Brust. Wir sind Teil des Stücks, belehren will man uns. Ob wir aufstehen, rausrennen, und den ganzen Konsum verbrennen sollen?

Und dieser Typ da vorne, der macht weiter. Pflanzt Bücher wie Grabsteine und gießt sie wie Pflänzchen, stutzt ihnen die Ecken – die Flügel will ich sagen, denn Bücher sind engelsgleich, fliegen sollen sie, frei sein. Und all das, das geht mit einem e-book nicht, das kann man nicht gießen, dann geht es tot. Und er stapelt die Bücher, stapelt die alten Dinger, und klettert auf die Stapel und ich weiß nicht, ob er sich was tut, wenn er von den Büchern hinunterrutscht. Krankangst, der hat sich bestimmt was gebrochen. Aber er steht auf, weiter geht es. Meth, und ich bin kirre im Kopf, so kirre wie der. Blumenpflanzengrabsteine. Und dieses Auto erst. In das steigt er ein, ein BlingBling-Taxi, da sitzt er drin, den Slojterdijk-Philosophen, den hat er für 300 Euro gekidnappt, und er frisst das Katzenfutter und hier entfratzt er den Intellekt, der aus Tierfraß neue Wörter formt. Carnivor-technisch? Ich hab mir das Wort nicht merken können. Aber irgendwie, da ist auch Kritik, jaja. Er will ja Goya lieber als Adidas, das Museum lieber als die Bofrost-Bimmel. Ein Lob auf den Intellekt, den Feingeist, und dann ist der so verrückt, dass es einem leidtun kann, dass es einem leidtun muss, dass er Schwu*** sagt, als käme kein Hipster-Stück mehr ohne Schimpfwort aus.

Und dann, dann ist er so nett zum Publikum, sagt uns, wir dürften pullern gehen, aber ficken, das könnten wir nicht. Sagt das, schreit das, wirrt das. Und dann ist er Barth, wie Mario hier und da Slapstick, aber die Gusche voller Weintrauben, die ganze Flasche kippt er an sich hinunter, das ist schon stark. Am Ende, da denk ich, wie sexy der ist, dieser kranke Kritiker, der Bücher verliert wie andere Kacke und Pfürze, sie kullern ihm aus dem Hintern, aus dem Arsch, an dem ihm lieber Goya lecken soll als der Knacki aus dem Bofrost-Auto.

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