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Wenn man mit Nazis spricht, da kann man sich wacker schlagen. So wie Mo Asumang neulich. Oder aber, man stellt sich so dämlack an. Wie ich neulich.

Das war so: ich saß in der falschen Tram, irgendwo im östlichsten Osten Ostberlins. Da ist durchaus Provinz da, und in den bereits dolle gentrifizierten Bezirken im Stadtinnern, da huscht es immer von Ohr zu Mund zu Ohr, dass man da nicht hinsolle, in den Osten. Denn im Osten, da sind Nazis.

Ich war also gewarnt worden. Die Tram fuhr trotzdem falsch, ich musste umsteigen und in der Pampa auf die nächste, andere Tram warten. Ich stand vorm Plaste-Tramwartehäuschen. Drinnen, im Trockenen, saß eine Mutter, das Ohr am Handy, neben ihr stand ihre so etwa 10-jährige Tochter. Das war der Tag der Nazi-Proteste gegen die in Marzahn-Hellerdorf geplanten Asylunterkünfte. Polizeiautos fuhren am Tramhäuschen vorbei, aber weit und breit keine Straßenbahn. Die Mutter sprach, und zu mir erklommen Brocken wie „Na, hoffentlich passiert was.“ „Aber auf uns hört ja keiner.“ „Mit uns kann man es ja machen.“ „Für die ist Geld da.“

Ich kochte irgendwie schon; da war rauszuhören, dass die Frau über die Demonstrationen und die Geflüchteten sprach. Als sie aufgelegt hatte, fragte ihre Tochter: „Mutti, warum demonstrieren die?“

Woraufhin die Mutter entgegnete: „Weil da Asylanten kommen.“ Und meinte weiter, dass sie das nicht wolle, weil: die nehmen einem das deutsche Geld weg, atmen deutsche Luft, am Ende ersticken wir noch. Jaja, ganz so hat sie’s nicht gesagt, aber es fällt mir schwer, mich genau zu erinnern. Zumindest war ich sauer und aufgewühlt; ich fand es nicht gerecht, dass diese Frau ihrer Tochter gegenüber so unsolidarisch von Menschen auf der Flucht sprach.

Da sagte ich, weil mir nichts Besseres einfiel: „Wollen Sie vielleicht mit diesen Menschen tauschen? Sie können doch froh sein, dass Sie aus keinem Kriegsgebiet kommen.“

Da sagte sie: „Ja, nehmen Sie sie doch auf.“

Ich log: „Das habe ich.“ (Aus einer kleinen Spende für Asylproteste hatte ich also erlogen, ich würde meine Wohnung für Menschen ohne Obdach geöffnet haben.)

Ich erinnere mich nicht genau, was genau die Frau dann sagte, jedenfalls meinte sie zwei, drei Sätze später, das wäre ja typisch für mich, ich solle mal arbeiten gehen.

Und ich sagte: „Gehen Sie doch arbeiten.“

Und sie: „Da geh ich grad hin.“

Und ich: „So sehen Sie aber nicht aus.“

Das war der Moment, in dem ich schnell die Beene in die Hand nahm, und mich vom Acker machte. Ich war so wütend, und doch weiß ich, dass meine Bemerkung falsch war. „Sie sehen nicht so aus, als würden Sie arbeiten.“ Das hatte ich zu ihr gesagt, weil es mich getroffen hatte, irritierte und wütend machte, dass sie so mir nix, dir nix zu mir meinte, ich würde ja nicht arbeiten gehen, das sei bei Leuten wie mir so.

Ich weiß, dass die Frau, als ich ging, noch etwas zu ihrer Tochter brubbelte, das ich aber nicht mehr hören konnte, und froh war, nicht hören zu müssen. Aber ich hatte Angst, und schaute mich auf meinem Weg mehrmals um. Irgendwie war mir unwohl.

Wie kam sie drauf, sowas zu sagen? Wie kam ich darauf, von der Unterstellung so betroffen zu sein, als wäre nicht zu arbeiten das Schlimmste auf der Welt, etwas, das zweifelsohne beschämen müsse.

Wieso hatte ich überhaupt was gesagt? Ja, ich wollte die Tirade, ihr unsolidarisches Wettern nicht unkommentiert stehen lassen, ich wollte ihr das vor ihrer Tochter nicht durchgehen lassen.

Aber letztlich habe ich mich ja selber reingeritten, habe pauschal über sie geurteilt und war bestimmt kein Paradebeispiel an Zivilcourage.

Und nun? Schätzungsweise hätte ich mir meinen Kommentar besser überlegen sollen, und mich von ihr nicht angreifen lassen sollen. Vielleicht hätte ich ihr gegenüber dann nicht so eine Scheiße verzapft.

Aber bei einem bin ich mir trotzdem sicher: dass die Intention, ihr Gerede einfach so gewähren zu lassen, wichtig und richtig war. Nur braucht es beim nächsten Mal eine gescheitere Gegenstrategie.

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