Home

Neulich war ich richtig sauer auf die Nazis, und wollte auch gar nicht mehr mit denen reden, nicht mehr nachvollziehen müssen, warum die denn so blöde sind.

Wut allein ändert aber ooch nüscht, also habe ich in meinem Fortbildungskämmerlein gegraben, und mich nochmal mit psychologischen Erklärungsansätzen befasst, die nachvollziehen wollen, was rechtsextreme Einstellungsmuster so attraktiv macht für breite Teile der Bevölkerung. Um genau diese Erklärungsansätze geht’s im folgenden Blogbeitrag.

Gesellschaftlich betrachtet isses ziemlich komplex, was Mensch so tun muss, um als „richtige“, „echte“ Frau wahrgenommen zu werden, oder als „ganzer“, als „wahrer“ Kerl. Ich will an dieser Stelle erstmal nur von Weiblichkeit schreiben, und die Männlichkeitsanforderungen etwas aufsparen (und dann in einem weiteren Teil meines politischen Adventskalenders drauf zurückkommen. Dass Trans-Identitäten hier nur indirekt vorkommen, liegt – u.a. – daran, dass ich versuche, mich auf einen gesellschaftlichen Mainstream zu beziehen.)

Frauen also. Was heißt das eigentlich, eine Frau zu sein? Wie will die Gesellschaft mich als Frau, welches Rollenbilder- und Möglichkeiten existieren, welche Wahrnehmungen sind verbreitet?

Eine gedankliche Übung: Zeitschriften-Collage

Stellen wir uns mal einen Stapel voll halbwegs aktueller Zeitschriften vor, die auf dem Tisch liegen, und stellen wir uns vor unserem inneren Auge die Aufgabe, wir sollten die Bilder aus eben diesen Zeitschriften verwenden, um in einer Collage darzustellen, wie Frauen in der Gesellschaft denn so gesehen werden. Wie würde unsere Collage aussehen, wenn man bedenkt, dass die uns zur Verfügung stehenden Zeitschriften sich vornehmlich um Themen wie Topmodells, Gesundheit und Fitness, um Deko-Artikel und zum Teil auch auf Politik beziehen. Welche Bilder finde ich im „Spiegel“, bei „Focus Schule“, im „Missy Magazine“, im „Business Punk“?

Ich habe diese Übung nicht nur gedanklich, sondern auch bereits in mehreren, unterschiedlichen Gruppen gemacht. Ergebnis war, quasi jedes Mal, dass Frauen schön sein mögen, gesund, erfolgreich. Dass sie pink lieben, kreativ sein sollen. Aber dass sie sich eben auch um Familie und Pflege kümmern, dass sie sozial sind, dass sie immer ein Interesse haben, an ihren Beziehungen zu arbeiten, ja dass sie immer eine gute Freundin, eine gute Partnerin, Kollegin oder Kommilitonin sind. Wenn mal was im Argen liegt, leisten Frauen hier Beziehungsarbeit.

Ist das nicht alles ziemlich viel? Allzuständigkeit von Frauen

Oh ja, die Anforderungen, die an Frauen gestellt werden, sind mannigfach, sie sind vielfältig – und sie sind bisweilen auch widersprüchlich. Denn Frauen, so sagen uns die Zeitschriften und so ist gesellschaftlich en vogue, sollen sich um die Familie und ihre Beziehungen kümmern, und gleichzeitig erfolgreich im Beruf sein. Sie sollen schlau und sexy, aber auch anschmiegsam sein. Sie sollen selbstbewusst sein, aber ihre Wut nicht zeigen. Und: sie sollen bitte jede knapp formulierte SMS oder WhatsApp-Nachricht ihres Freundes stundenlang mit all ihren Freundinnen analysieren. Wie hat er das gemeint, und heißt es nicht, er könnte, eventuell … vielleicht? SMS-Exegese könnte wir das nennen, dieses Nachdenken, Grübeln. Was sich zeigt, ist die Beziehungsarbeit, die Frauen und Mädchen immer leisten müssen. Es wird erwartet, dass Mädchen sozial sind.

Aber nervt das nicht? Vermeintliche Auswege

Jupp, diese Allzuständigkeitsanforderung, der Mädchen gerecht werden sollen, nervt immens. Ein Ausweg ist für viele Frauen, sich rechten Gruppierungen, oder zumindest rechten Einstellungsmustern hinzugeben. Denn rechte Ideologie setzt irgendwie stark auf traditionelle Familienwerte. Die kleine Kernfamilie als das Herzstück des „Volkes“. Hier können Frauen und Mädchen irgendwann ganz beruhigt die Mutterrolle übernehmen, und sich kümmern. Das entlastet, von den Anforderungen, der kaum eine gerecht werden kann.

Und wieso gegen Flüchtlingsheime wettern?

Der Zusammenhang zwischen dem Versuch, in der Rolle als Frau nicht unterzugehen, und der Ablehnung von Unterkünften für Geflüchtete ist nicht unmittelbar nachzuvollziehen. Wichtig ist, dass nicht alle Frauen, die ich oben beschrieben habe, sich als Nazi definieren. Vielmehr sehen sich viele, auch Männer, als unpolitisch. Im Zweifelsfall sind Nazi-Meinungen aber abrufbar, weil lange im vermeintlich unpolitischen Rahmen – Kita, Arbeitsplatz, vielleicht Stammtisch, im Fahrstuhl oder der Kantine – durchdiskutiert. Aber aktuell entlädt sich in, insbesondere in Marzahn-Hellersdorf, aber auch anderswo, die Wut auf „die anderen“. Und hier steigen Männer wie Frauen auf diese Diskussion ein: „die anderen“, die da kommen, bedrohen die kleine Kernfamilie: das eigene, deutsche Kind dürfe ja „wegen denen“ nicht Hunger leiden. Das bedroht die Kernfamilie, die ja eben heterosexuell angelegt ist (so das Denken vieler), und wenn die heterosexuelle Kleinfamilie wegbricht (was durch die Ankunft von Geflüchteten bestimmt nicht passiert, aber dennoch so befürchtet wird), dann droht eventuell auch die Identität als Frau wegzubrechen. Und das wirkt gefährlich.

Das ist als Fazit noch nicht zufriedenstellend. Auf Eure Diskussionsbeiträge bin ich demnach umso mehr gespannt.

 

 

Advertisements

3 Kommentare zu “Frauen, Männer und Nazis

  1. “ dass Frauen schön sein mögen, gesund, erfolgreich. Dass sie pink lieben, kreativ sein sollen. Aber dass sie sich eben auch um Familie und Pflege kümmern, dass sie sozial sind, dass sie immer ein Interesse haben, an ihren Beziehungen zu arbeiten, ja dass sie immer eine gute Freundin, eine gute Partnerin, Kollegin oder Kommilitonin sind. Wenn mal was im Argen liegt, leisten Frauen hier Beziehungsarbeit.“

    Ist dir schon einmal aufgefallen, dass reale Frauen nicht durchweg schön, nicht immer gesund, sondern oft erfolglos, unkreativ, keine gut Freundin, keine gute Partnerin, nicht schlank, nicht blond … schlicht und einfach all das, was in Zeitschriften steht, NICHT sind?
    Hast du schon mal in Erwägung gezogen, dass Zeitschriften weder die Realität abbilden noch ernst zu nehmende Anweisungskataloge für reale Meschen sind?

    • Stimmt. Ich hab das durch mangelne indirekte Rede vielleicht nicht deutlich genug gemacht, dass ich hier eigentlich die Anforderungen, die an Frauen gestellt werden, darstellen wollte. Dass Frauen eben nicht alle und immer diesen Vorstellungen entsprechen wollen oder können – das ist die Realität. Das Leben ist eben nicht eindimensional.

  2. Ich finde schon, dass das plausibel klingt. Das „traditionelle“ Frauenbild wird als widerspruchsärmer (i.S.v. als in sich selbst konsistenter) wahrgenommen, deswegen entscheiden sich so manche dafür.
    Und ja, bei vielen spielen auch gewisse Ressentiments eine Rolle.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s