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Warum die Kritik der „Kochprofis“ an „geschmacklosem“ Essen viel mehr ist als eine Mäkelei an der Mahlzeit an sich, sondern die Konsumenten hinter dem Teller disst

Neulich so: der Tag war lang, also blieb ich abends bei RTL2 hängen (anstatt, wie ich’s mir vorgenommen hatte, bei teurem Wein ein Kapitel Foucault zu lesen *hüstel*). Es war Donnerstag, also zeigte das immerwährende Fernsehprogramm „Menschen ohne Schulabschluss, die irgendwas machen“.

Aber schnell war klar, dass, wer keinen Schulabschluss hat, eben nicht so einfach machen kann, was er-sie will. Stattdessen muss dem jeweils aktuell vorgeführten Individuum eine gehörige Portion Selbstoptimierung übergeholfen werden. Diese Portion mag dabei zwar kalorienarm sein, zusetzen tut sie trotzdem. Aber der Reihe nach: was war da los?

Angesehen habe ich mir eine Folge „Kochprofis“. Meine Aufmerksamkeitsspanne ist meist dolle niedrig, sowohl für ein Kapitel Foucault wie auch für regelmäßige Fernsehfreuden, aber so viel habe ich von den „Kochprofis“ verstanden: 3 bis 4 Kerle erklären in wöchentlichem Rhythmus, was Menschen, die, aus unterschiedlichen Gründen, gerne auch beruflich, kochen, so alles falsch machen. Das mag man konstruktiv finden, zumindest in der Folge, die letzten Donnerstag lief war’s das aber ganz bestimmt nicht. Da haben die beiden Freundinnen Monika und Petra ein Restaurant aufgemacht, wofür Petra ihre 3 erwachsenen Töchter ordentlich eingespannt hat: alle waren irgendwie im Service tätig, eine hatte sogar den Kredit für die ganze Gastro-Chose aufgenommen und stand nun, weil der Laden doch nicht lief, vorm individuellen Privatbankrott.

Gut, die Idee, ein Geschäft aufzumachen, so mit allem Pipapo, sollte reiflich überlegt sein, immerhin können die Konsequenzen weitreichend und die Folgekosten höher sein als wenn man bei H&M einfach mal die falsche Klamotte geshoppt hat.

Was aber ist das Problem, das ich mit den „Kochprofis“ hatte? Nun, da wurde durch die Bank weg all das vermeintlich simple Alltagsessen, das die beiden Hausfrauen in ihrem Restaurant anbieten, und das sie selber gerne mögen, schlecht gemacht. Das sei unessbar, nicht zeitgemäß, ekelhaft. So zumindest haben das die vermeintlichen Profis gesagt. Klar, wenn Fleisch, dann soll das auch gebraten und nicht mehr tiefgekühlt-bis-blutig sein. Und ja, vielleicht ist die Speisekarte in diesem Restaurant auch wirklich nicht mehr zeitgemäß. Aber genau das ist doch das Ziel all dieser Selbstoptimierungs-Umstyle-Hausretter-Verkupplungs-Casting-Shows: es wird einem schwer gemacht, sich einfach mal zurück zu lehnen. Mensch darf sich nicht einfach mehr nur „Nudeln machen“, sondern muss das ganze Gekoche Instagram-Facebook-tauglich ins Szene setzen. Da kann man keine Tiefkühlmöhre vor die Handy-Linse bringen, und das Geständnis, dass man sich selbst mal eine Ananas zum Schnitzel gelegt hat, qualifiziert einen dann noch nicht einmal für’s Catering der nächsten Bad-Taste-Party (im SO36 oder sonstwo). Zu Mahlzeiten verarbeitete Nahrungsmittel müssen ebenso in Szene gebracht werden wie die Teenager, die Heidi Klum bei GNTM ablichtet. Dass die Casting-Show die Models dabei in Müllcontainer bugsiert, und sie somit viel eher ab-richtet, scheint vielen ZuschauerInnen irgendwie egal zu sein.

Als jemand, die relativ viele Mahlzeiten in Kantinen und Mensen zu sich nimmt, ist Wählerisch-Sein kein Luxus, den ich mir leisten kann. Da esse ich eben auch in der Zelt-Mensa der HU, und ja: auch mal Ananas-Schnitzel. Ehrlich gestanden gab’s auch Momente (lange Wartezeit-Nächte in Krankenhäusern oder Nachtschichten im Grimm-Zentrum) da ist mir selbst die Tomatensuppe aus dem Automaten als Hochgenuss vorgekommen.

Natürlich wäre es schön, wenn ich mich gesünder, besser, weniger, fairer, veganer, ausgesuchter, ausgetüftelter, langsamer ernähren würde. Aber all diese Kritik, die beispielsweise auch die „Kochprofis“ an „geschmacklosem“ Essen üben, ist eben nicht nur eine Kritik an der Mahlzeit an sich, stattdessen berührt diese Kritik auch die Konsumenten hinter dem Teller. Bourdieu hat ja ganz eindrücklich die habituellen Unterschiede untersucht, die zwischen den gesellschaftlichen Schichten und ihren Präferenzen bestünden. Ich kann also nicht umhin, die Kritik der „Kochprofis“ nicht als reine Kritik an dem ihnen servierten Essen, sondern eben auch als Kritik an denjenigen, die „nun mal solche oder solche Essgewohnheiten haben“, zu interpretieren. Kraftklub singen sehr treffend: „Mit 390 Euro Hartz kommt man nicht weit im Biomarkt.“ Will heißen: es kann durchaus systemisch bedingte Gründe haben, warum ich mir lieber einen Liter Cola im Späti hole statt eine der 17 Denns-Filialen, die sich entlang der M10 so tummeln, mit meinem Portemonnaie zu beglücken.

Sicher, wer ein Restaurant eröffnet, dem schadet Kochen-können nicht unbedingt. Die „Kochprofis“ kritisieren aber nicht einfach nur die beiden Köchinnen, zwei ehemalige Hausfrauen, die, so habe ich zumindest den Eindruck, auch gern in der Glitzerwelt des Träume-Verwirklichens mitspielen wollen. Das ist ihnen gründlich missglückt, und dafür werden sie nun ordentlich runter gemacht. Dazu kommt, dass hier die professionell kochenden Kerle gegen die täglich kochenden Haus-Frauen antreten. Während es also berechtigt sein mag, die Entscheidung zur Restaurant-Eröffnung in diesem Fall kritisch zu sehen, ist die weiterreichende Botschaft der Sendung doch auch eine Abwertung weiblicher Haushaltsarbeit versus die Koch-Events, die von Männern ins Szene gesetzt werden.

All das könnte weiter ausgeführt werden, ist in Summe aber schlichtweg nicht bekömmlich. In diesem Sinne landen die „Kochprofis“ also sobald nicht wieder auf meinem Teller.

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5 Kommentare zu “Was essen die dicken Dummen?

  1. Ich finde das Konzept der Sendung hat sich inzwischen überholt, es langweilt mich nur noch und ich zappe weiter.

    Trotzdem unterscheide ich zwischen Nahrungsaufnahme und Essen und bei der Menge Fertiggerichte, die in Deutschen Landen über die Kasse geht, ist ein wenig Bildungsfernsehen und Anspruch an die Lebensmittel durchaus nützlich.

    Aber wie schon gesagt, ich schaue dann eher andere Kochsendungen und gehe selbst in Restaurants.

    • Dieser „Anspruch an die Lebensmittel“ ist mir nicht unbekannt, und doch lässt sich beobachten, dass sich ebenjener Anspruch mit einer Art Leistungsanforderung paart. Wenn man sich das gewohnte, „simple“ Alltagsessen nicht abgewöhnen kann oder will (aus welcherlei Gründen auch immer), läuft man Gefahr, als VersagerIn wahrgenommen zu werden. Der Gang ins Restaurant mag wünschenswert sein, ist aber nicht immer eine Option.

      • Es ist an einfacher Hausmannskost nichts auszusetzen, es ist auch kein Wettbewerb. Aber den Fertigmist aus dem Supermarkt zu essen, ist schon zweifelhaft.

        Aber das muss jeder selbst wissen. Mir reicht, was ich mir zubereite. Hauptsache, es gibt Alternativen.

  2. Da lob ich mir Frank Rosin, der kocht gut, aber nicht überkandidelt und kritisiert wirklich nur grundsätzlich fehlendes Handwerkszeug. Auch wenn die Folgen inzwischen leider auch mit dramatischer Musik aufgepeppt werden.

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