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Je näher dieser zweite Sonntag im Mai, also quasi so: heute, rückte, desto häufiger wurde ich in letzter Zeit gefragt, ob ich denn schon ein Geschenk für meine Mutter hätte, ob ich schon mit Basteln fertig sei, und was meine Pläne für die Mutter aller Tage so seien.

Nun, meine Auswahl beschränkt sich ziemlich genau auf: Fresien (ihre Lieblingsblumen) oder Rosen (die einzige Sorte Blumen – außer manchmal Fresien – die ich einwandfrei zu erkennen weiß). Den jeweiligen Strauß bringe ich ihr nicht mit, und setze mich anschließend an den gedeckten Tisch, auf dem bereits das Sonntagsschwein wartet.

Nein, nichts von alledem.

Die Blumen schneide ich (an guten Tagen) an, stelle sie in eine Vase und zu ihr ans Grab. Ich zupfe ein bissel Unkraut und harke mit ungeschickter Hand kein schönes Muster in den Sand. Wasser hole ich von diesem Friedhofsbrunnen, aus dem, wenn es zwar schon warm genug ist, dass die Friedhofsleitung die Rohre wieder frei gibt, aber noch so kalt, dass auf den Wiesen kaum was blüht, weißes Wasser fließt. Als Kind liebte ich es, diesem kalten, weißen, fließenden Wasser zuzusehen, wie es sich im Brunneneimer fängt und dort sehr, sehr langsam, wieder klar wird. Heute habe ich zu selten die Chance dazu, diesem Friedhofswasser zuzusehen, ich weiß nicht, ob es bereits so warm ist, dass es schon klar aus der Leitung schießt. Denn ich fahre an diesem Muttertag nicht zum Friedhof. Ich war auch vor ein paar Wochen, an ihrem Geburtstag, nicht da.

Das sind durchaus pragmatische Gründe: der Weg ist mir zu weit, anderthalb Stunden hin, anderthalb zurück, dann mittenmang eine Busfahrt durch märkische Kleinöde, oder, wenn man den Sonntagsbus verpasst hat, 10 Kilometer Fußweg. Ich will nicht, ich habe grade keine Lust.

Aber zuhause, hier in Berlin, wo ich grad aufgestanden bin und mit Frühstück überrascht wurde, wo ich nachher mit einer Freundin verabredet bin, und vielleicht noch meine Jahreskarte für’s Deutsche Historische Museum ausreizen will, hier in Berlin, wo ich so viele andere Pläne habe, die mit Friedhofsblumen so wenig zu tun haben, sitze ich und habe ein schlechtes Gewissen, weil ich mir nicht die Mühe mache, nicht raus fahre, gestern, als ich sowieso draußen war, nicht noch den kleinen Umweg gemacht habe.

Meine Mutter ist gestorben, lange bevor der Muttertag so gehyped wurde. Es hätte damals, zu ihren Lebzeiten, gereicht, ihr Blumen zu schenken, oder, davor, ihr ein Bild zu malen. Es hätte kein Chanel #5 sein müssen, kein Groupon-Gutschein für irgendein Irgendwas. Meine Mutter hätte das nicht zu nutzen gewusst. Sie war keine Chanel-#5-Frau, sie hat sich nicht mal jeden Tag die Zähne geputzt. Sie war keine starke Frau, sie hat mir auf den Anrufbeantworter gesprochen, an einem Abend, an dem ich mit Leuten aus der Uni unterwegs war (oder arbeiten, weil sie’s monatelang nicht auf die Reihe gekriegt hatte, meine Bafög-Unterlagen zusammen zu suchen), und was sie sagte, in ihrer verwaschenen Sprache, aber doch deutlich zu erkennen, war: „Maja, Du bist ein Arschloch!“ Dann hatte sie aufgelegt. Ich glaube, was sie hatte fragen wollen, war, wann genau ich an den Weihnachtstagen nach Hause kommen würde.

Und heute, wieder an wieder einer Art Feiertag, wo sie bereits seit fast 8 Jahren nicht mehr bei mir angerufen hat, wo die letztem Reste von ihr wohl schon verrottet sein dürften, hätten wir uns nicht ohnehin für die preislich erschwinglichere Art der Bestattung entschieden, und ihren kranken Krebskörper nicht verbrannt, heute fahre ich nicht hin. Ich bin den Menschen, die das für mich übernehmen, sehr, sehr dankbar. Aber ich selbst will das grad nicht.

Ich bleibe zuhause, werde nachher Milchkaffee trinken gehen, den ich mit sündhaft süßen Kalorien toppen werde. Wenn sich die Melancholie dieses Tages nicht sofort wieder verscheuchen lässt, lese ich vielleicht ein paar Seiten in dem Buch, welches Simone de Beauvoir über den Tod ihrer Mutter geschrieben hat, und ich werde mich, wie schon oft, der nicht allzu kontemplativen Frage hingeben, ob meine Mutter einen sanften Tod gestorben ist, weil sie das Glück hatte, die letzten, viel zu kurz-langen Krebswochen in einem Hospiz zu verbringen. (Ein Luxus, Leute! Wenn ich abdanken muss, aber mein angekündigter Tod eine ähnlich lange Ladezeit hat wie Webseiten, die man mit dem Internet Explorer öffnet, dann bitte ich Euch, mich in ein Hospiz ziehen zu lassen. Nur bitte in eines, das im Fahrstuhl keine Spiegel hat; ich will nicht vor meinem Gesicht erschrecken müssen, so wie meine Mutter, die, nach vielen TagenWochen im Krankenhaus, in denen sie Spiegel gemieden hatte, (oder in denen wir es gemieden hatten, ihr einen Spiegel zu geben?) plötzlich im Rollstuhl in den Fahrstuhl geschoben wird, und dort nun all die Bilder ihres kaputten Gesichts ertragen musste). Oder war ihr Tod gar kein sanfter, weil das Monster, das ihr das Bauchfell zerfressen hatte, langsam und doch viel zu plötzlich, so heimtückisch war, dass die Verwendung des Wortes „sanft“ in diesem Kontext nichts anderes sein kann als blasphemische Unkenntnis, Hohn, Ignoranz oder dumme Ahnungslosigkeit?

Nun, ich weiß es nicht. So wenig, wie ich die Frage nach dem Charakter des Sterbens meiner Mutter beantworten kann, so wenig kann ich auch die Frage nach ihr selbst beantworten. War sie eine gute Mutter? Was ist das schon? Wäre doch Luxus, wenn. Ich kann nur mit der Vorausschau antworten, und sagen, dass ich Angst habe, zu werden, wie sie. Ich fürchte mich vor ihrer Ungeduld, vor ihrer Wut, ihrer abfälligen Art. Sie hätte mir den Feiertag in Berlin, bei Milchkaffee und Menschen, die mir Gutes wollen, (vielleicht) nicht gegönnt.

Aber ich wäre heute rausgefahren. Ich hätte ihr Blumen geholt, in Lichtenberg am Bahnhof, und hätte mich an den Tisch gesetzt, an dem sie Sonntagsessen serviert hätte. Ich hätte gegessen und Nachschlag gewollt. Keine Frage, den hätte ich bekommen, und im Anschluss ein Kompott.

Vielleicht, vielleicht lese ich nachher doch noch ein Kapitel aus Simone de Beauvoirs „Ein sanfter Tod“. Und vielleicht male ich die Buchstaben bunt, die Os grün, die Bs blau und gelb, die Ms zeichne ich in rosa nach. Das wäre mein Kinderbild, mein Muttertagsgeschenk für die Frau, der ich nichts basteln kann.

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2 Kommentare zu “Ein Minenfeld: Die Muttertagsfrage

  1. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Andere Perspektiven auf den Muttertag, Kritiken an kultureller Aneignung und aufwühlende Transitionserfahrungen – die Blogschau

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