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Der Dozent Manuel Clemens und die Lehramtsstudentin Larissa Sarand streiten auf Spiegel Online um den Stand der LehrerInnen-Ausbildung. Ich wähne mich zwischen den Stühlen, und gleichwohl ist dies mein Versuch, dem „utopischen Nirgendwo“ der Lehramts-Ausbildung zu entkommen.

Auf Spiegel Online, einer gar nicht so medienunwirksamen Plattform, hat sich neulich eine Kommilitonin über die Ausbildung im Lehramtsstudium beschwert. „Ja!“, hab‘ ich da geschrien, da liegt ganz viel im Argen im Werden neuer LehrerInnen. „Wir lernen nichts“ hat die Kommilitonin der eigenen akademischen Laufbahn attestiert, und ich habe ihr beigepflichtet, als ich von den Kritzelzeichnungen las, die sie im Pädagogik-Teil ihres Masters anfertigen durfte (die Hinweise, die sie gab, wiesen eindeutig auf das Modul, das auch ich eben absolviert habe), als ich die Frage der Statistik-Klausur wiedererkannte, die auch ich neulich erst binnen 60 Minuten ankreuzen durfte, nachdem ich mich ein Semester lang an der Vorlesung vorbei geschummelt hatte, und allein anhand der Folien gelernt – und gut bestanden- habe.

In ihre Beschwerde hatte sie den Ruf nach mehr Praxis gelegt, und wenn er da nicht selbst schon deutlich hervor stach, dann aus den Kommentaren, die den Artikel auf SPON, auf Facebook oder in der Mensa, im Gespräch mit anderen Studis, begleiteten.

Aber ist das tatsächlich nur der Wunsch nach mehr Praxis, der da aus ihr spricht? In seiner Replik wirft ihr der SPON-Dozent Manuel Clemens, seines Zeichens: nicht: Lehrer vor, sie wolle den theoretischen Input schmal halten, wolle nichts wissen von den Details einer Kurzgeschichte Kafkas, wünsche sich quasi Verflachung und ein einfacheres Studium. Nun, auch ich mag Theorie, und bisweilen mag ich sogar Details. Die Forderung nach mehr Praxis und weniger Wissenschaft im Lehramtsstudium nerven mich zumeist auch. Ich finde aber, man macht an SchülerInnen weniger „kaputt“, wenn man sich etwaige Fakten zur Französischen Revolution oder alternative Lesarten zur „Verwandlung“ nochmal kurz vor der zu erteilenden Unterrichtssequenz anliest, als wenn man sich auf die Schnelle entweder bei der Supernanny oder bei Michael Winterhoff zu Fragen der Inklusion schlau machen muss. Denn die Pappmasken sind Realität; auch ich erinnere mich daran, dass ich konkrete Nachfragen zum diagnostischen Potenzial dieses Verfahrens hatte, dass ich wissen wollte, was genau meine Rolle im anschließenden Diagnostik-Praktikum sein solle (für das ich immerhin eine Woche lang jeden Tag nach Brandenburg fuhr, um 5 Stunden pro Tag einem Zweitklässler dabei zuzusehen, wie die Lehrerin ihn bei jeder sich auch noch so schwach anbietenden Gelegenheit anranzte, er sei mal wieder zu hibbelig und zu lebhaft). Mein Nachhaken jedoch, das, ähnlich wie das Interesse meiner Kommilitonin Larissa Sarand, eben nach Theorie UND Praxis fragte, und keineswegs mit Oberflächlichkeiten abserviert werden wollte, wurde damit beantwortet, dass uns die Sonderpädagogik-Dozentin erklärte, wie wir um die Kritzelzeichnung herumnoch einen schönen Rahmen pappen könnten. Wie der Pritt-Stift anzusetzen sei, und dass wir das Bild ja dann aufhängen könnten. Um Larissa Sarand zu zitieren:

„Dringend hätten wir Informationen zur Inklusion benötigt, wir hätten erfahren müssen, welche besonderen Bedürfnisse diese Kinder haben und wie wir sie in den Klassenverband integrieren können.“

Und da ist Manuel Clemens vehement zu widersprechen: auch wenn Persönlichkeit ein wichtger Faktor bei LehrerInnen ist – Persönlichkeit allein reicht nicht. Ich kann Lernenden gegenüber zugewandt sein, ich kann versuchen, ihnen wertschätzend und auf Augenhöhe zu begegnen, ich kann literweise Herzblut für’s Thema und die Vermittlung mitbringen – aber ohne Wissen über ADHS, ohne konkrete Handlungsstrategien im Bereich Classroom Management, ohne erprobte Rituale, ohne einen selbstreflexiven Blick auf das, was ich als Lehrerin unter heterogenen Lerngruppen verstehe, ohne reflektierendes Wissen in Bezug auf all die Inklusionsherausforderungen, die sich einer Kritik am Labeling nicht verwehren, ohne all diese Professionialisierung bin ich eben kein guter Lehrer.

Und da muss ich Larissa Sarand erneut Recht geben: da bildet die Uni nur unzureichend aus. Der Verweis, all diese Praxis käme dann im Referendariat (oder vorher vielleicht im Praxissemester) reicht mir nicht aus. Ich will nicht vertröstet werden, ich will kritisch und auf hohem Niveau sowohl Inklusion, Pädagogik und Lesarten zur Französischen Revolution besprechen. Meinetwegen, während ich nebenbei eine Pappmaske ausmale. Das ist sozusagen mein Versuch, gegen das „utopische Nirgendwo“, von dem Clemens spricht, anzustudieren.

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