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Letztes Jahr, da hat der Krieg angefangen. Nicht in echt, aber dafür der in der Erinnerung. In Wirklichkeit sind 100 Jahre vergangen, seit der Erste Weltkrieg ausgebrochen ist. 100 Jahre, in die sich das Zeitalter der Extreme, so Eric Hobsbawn, hineingedrängt hat.

Diesem aber, wir Glücklichen, müssen wir gar nicht mit so viel Verdruss erinnern. Denn durch glückliche Fügung, durch die Magie der runden Zahl, ist nicht nur der Erste Weltkrieg bereits zu Ende. Nein, erinnerungspolitisch endet, ein Jahr nach dem Ausbruch des Ersten Krieges, nun bereits sein Nachfolger. Die Stürme des Zweiten Weltkriegs, dem tobenden kleinen Bruder, der radikalisiert, was der jüngere stümperhaft unbeendet ließ , die Panzer, die Toten in den Lagern, auf den Märschen, auf den Feldern – all sie finden Ruhe. 31 Jahre verdichten sich auf 12 Monate; just eben zündelte noch die Urkatastrophe, da können wir schon Befreiung feiern und erinnern. Da braucht es den Rufer nach dem Schlussstrich kaum; subtil, auf leisen Pfoten, genügt es, zwei Gedenktage aneinander zu reihen, sie zu debattieren und feuilletonisieren. Im Weitwinkel von 100 – 70 erscheinen beide Kriege en miniature; die Leiden bleiben der Nachgeburt erspart. Sicher, die Monarchien des Ersten Weltkriegs führten andere Kriege als die Diktaturen des Zweiten Weltkriegs, da kann man Sönke Neitzel durchaus zitieren. Der Abstand der Jahre, die Distanz der Generationen aber helfen, die Erinnerung auf ein Masternarrativ zu bügeln, da kann Neitzel sich noch so sehr danach sehnen, dass doch endlich die „50 Shades of History“ an den Akademien Einzug halten mögen. So aber, mit den Jahren, da wird es leichter fallen, statt leidender Opfer nun den langen Gang des deutschen Aufarbeitungsprozesses erinnernd zu loben. Und bald, bald, da geht es auch, dass noch stärker als ohnehin, der deutschen Soldaten gedacht wird. Aber auch das ist nicht schlimm, spielt keine Rolle. Denn ist letztlich, in der vergesslichen Negation, nicht alles kleines Leid, im Zauber dieses kurzen Krieges?

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Ein Kommentar zu “Ein wunderbar kurzer Krieg

  1. Aah. Ein super spannender Text! Nicht viele neue Fakten, aber dafür umso mehr neue Denkanstöße. Ich bin leider gerade nicht zu Tiefgreifenderem imstande, wollte mein Lob aber kurz mal los werden. 🙂
    xxx

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