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Wow! Noch so ein freudig erregter Post auf Facebook, und ich kotze: die Gilmore Girls sind zurück! Ganz ehrlich: ist mir – eigentlich – völlig wumpe. Heile-Welt-Geschichten um Mutter und Tochter sind irgendwie nicht mein Metier, sind irgendwie weit über meinem Heiterkeitsniveau, und sowieso: Marty McFly und Hoverboards haben für mich irgendwie mehr Realitätsbezug als eine halbwegs gesunde Mutter-Tochter-Beziehung.

Und doch schreibe ich: eigentlich wumpe, denn leider können mich die Gilmore Girls nicht ganz am Tüffel tuten, immerhin scheinen sie omnipräsent, zumindest auf den Facebook-Timelines meiner Freund*innen, und, noch viel schlimmer: in deren Realleben. So soll es ja wirklich Frauen geben, die ihre Mutter mögen, und auch tatschlich eine Art lebendig-gepflegter Beziehung zu ihr haben. Für mich ein Konzept, das weniger Lebensweltbezug mit sich bringt als Bahnsteig 9 1/2 , was daran liegen mag, dass meine Mutter schon lange tot war, bevor sie Krebs bekommen hat.

Diesen Totenschein hat, posthum, mein Therapeut für sie ausgestellt, knapp 8 Jahre, nachdem ich, in Anwesenheit ganz vereinzelt weniger Leute (Freunde hatte diese Schnapsdrossel, die meine Mutter war, ja keine) ihrer Urne Erde nachgeworfen habe . Kurz vor der Beantragungs-Sommerferien-bedingten 8-wöchigen Sitzungspause trällerte er (der Therapeut, die Sau!) mir einen Buchtitel um die Ohren: André Greens „Die tote Mutter“. Ein, wie ich schnell (ohne seine Hilfe, schließlich war ja Sitzungspause) recherchierte, unlesbares Buch. Abgehobene theoretisch-abstrakte Ausflüge, die ich, dank ein wenig Sekundärtexterei und eben: Empirie, doch mit Inhalten zu füllen wusste. Die tote Mutter, das ist die depressive Kuh, die sich eben nicht die Zeit nimmt oder die Mühe macht, der Tochter die Haare zu flechten (oder mindestens mal zu kämmen) – damals hatte ich wohl noch zu viele Brüder, als dass solch Mädchenkram hätte Durchsetzung finden können. Die tote Mutter, das ist jener ungehobelte Koloss, der sich im Wohnzimmer aufbaut, und „Heil Hitler“ grölt, um mal noch die freundlichsten ihrer Aussetzer festzuhalten. Die tote Mutter, das ist die Frau, zu der man keine Beziehung aufbauen kann, zumindest keine, die auch nur annähernd so blumig wäre wie die Welt von Lorelai und Lorelai Gilmore (die haben doch tatsächlich auch noch denselben Namen!).

Jaja, manchmal wünsche ich mir, meine Mutter käme sonntags mal rum, oder ich bei ihr, ich hätte meinen Freund dabei und sie würde die Augen verdrehen (gar nicht mal sooo giftig, vielleicht fast wohlwollend), wenn er sich eine dritte Portion Nachschlag auftut. Das wäre ungefähr die Luxus-Variante an Bonding zwischen uns; irgendwas, das über’s Essen funktioniert, nichts, was mit Gedankenaustausch oder Reden zu tun hätte. Aber nix von alledem. Keine Sonntagsreffen, kein kratziger Pulli, den sie mir zu Weihnachten schenkt, kein Nachfragen, wie’s so geht, kein Mich-Sehen ohne Bierschleier, keine Nicht-Wut, wenn ich das Wochenende bei meinem Vater verbracht habe, nicht mal mehr ein abschätziges „Sooo schlau bist du gar nicht!“, gegen das ich noch heute ankämpfe und mir den Arsch aufreiße und noch und nöcher studiere, um nicht zu sein, wie sie, um nicht im Wohnzimmer zu enden, im dem ich Joghurtbecher gegen die Wand werfe (voll, sowohl sie als auch der Becher), und in dem ich am Wochenende liege und vor mich hin suffe, die erste Bierdose knackt schon um halb 10.

Zwischen all diese Eskapaden der toten Mutter – und ja, das soll ein Oxymoron sein: die nicht-lebende Alte, die doch Unfug anstellt noch und nöcher – schleicht sich dann und wann doch der Neid. Etwa, wenn andere Töchter Muttihefte vollschreiben, mit tollen Erlebnissen, schönen Nachmittagen, die sie mit „Mama“ verbracht haben. Jetzt mögt ihr Dinge einwerfen, dass auch ihr’s nicht einfach habt, mit Mami. Soso. Eure Mutter mag euren Freund nicht? Der Pulli vom letzten Weihnachten hatte die falsche Farbe? Sie kocht noch immer Gemüse, obwohl ihr Fruktarier seid? Ganz ehrlich: das sind Luxustränen, das ist Weinen auf Stipendiaten-Niveau.

Ich weiß, mein Hang zur Lindenstraße, meine Tatort-Sonntage und mein Pretty-Little-Liars-Gebinge erfordern Nachsitzen in Sachen Serienkunst. Aber verschont mich, bitte, mit den Gilmore Girls. Das wäre mir zu viel des Guten, und überhaupt: Auf’s Maul, solltet ihr nochmal übersehen, dass es mir nicht selten Umwege und Extra-Aufwand abverlangt, ganz normal fröhlich zu sein. Ihr erzählt vom Muttertag? Schön. Ich muss erstmal schlucken. Ihr freut euch schon auf Weihnachten, Mutti kommt und kocht, und Geschenke hat sie sorgfältig ausgesucht, an eurem Leben orientiert (nicht an ihrem klamm kalkulierten Zahltag, der noch ein paar Flaschen Korn mitreinrechnen muss)? Toll für euch. Echt. Ich bin kein Biest, das euch das ernsthaft neiden würde, aber gesteht mir zu, grantig zu sein, eben nicht zu lächeln. Die extra Meile zu laufen erfordert Kraft, und manchmal habe ich eben keine Reserve für lapidaren Small Talk. Oder fürs Aufstehen, Funktionieren und Pünktlich sein. Und für Fantasy-Geschichten wie Gilmore Girls schon gleich gar nicht.

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Ein Kommentar zu “Scheiß doch auf die Gilmore Girls

  1. Pingback: Mutti Almighty | Maja Schwarz

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