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ZagrebKroatien? Ehrlich gestanden, muss ich Kroatien erstmal auf der Karte nachschlagen. Kam ja im Schulunterricht nicht vor, und kroatische Serien kenne ich auch nicht. Autoren? Politiker? Bands? Vielleicht sind ein paar der Leute, zu denen ich auf dem WGT mal gefeiert habe, aus Kroatien, immerhin gibt’s in Polen, so beispielsweise, auch Industrial Music. Und in meiner Fantasie sind Polen und Kroatien sich schon irgendwie ähnlich, beide im Osten. Da hört sich’s aber auch schon fast auf; Kroatien ist, viel mehr noch als Polen, ein blinder Fleck für mich. Manchmal erzählen Leute, Schüler, die ich unterrichte, dass sie in den Ferien nach Kroatien gefahren sind, und ich denke an billigen Urlaub und Pauschalhotels am Strand. Ungefähr hier hängt sich mein Bild von dem Land im ehemaligen Jugoslawien bereits auf; ich merke schnell (zumindest das!), dass mein Vorwissen rudimentär ist, mein Eindruck des jungen EU-Mitglieds zwangsweise daneben liegen muss. Warum hätte ich, bisher, auch dorthin fahren sollen, wird in Kroatien doch kaum Englisch gesprochen, den Jahresurlaub dort zu verbringen wäre ein falsch fokussiertes Sprachbad, und im Geschichtsstudium ist es auch nicht von Belang, sich eingehender mit dem Balkan zu befassen, zumindest nicht neben Manifest Destiny und Französischer Revolution .

Im Versuch, mich selbst zu trösten, sage ich mir, dass es neben mir sicher viele Leute gibt, die bei Dussmann nicht unbedingt jugoslawische Autoren identifizieren könnten. Irgendwas weiß ich noch von Krieg, der nicht allzu weit her ist, und einem Konflikt mit den Serben. Aber wer hier gut, wer böse war, wer schuldig, und wem verziehen werden muss – und überhaupt: wieso, weshalb, warum: ich weiß es nicht, bin verwirrt, und habe, auch nach 200 von 1023 Seiten Exkursions-Reader, viel mehr Fragen als eindeutiges Faktenwissen im Kopf. Zum Beispiel, warum Kroatien so beliebt bei den Touristen ist, immerhin hat der letzte Krieg hier doch erst gestern aufgehört. Ist das Solidarität, in ein Land zu fahren, in dem eben noch die Bomben hagelten, in denen die Schürfwunden quasi noch offen liegen, in denen die Kampfgeräusche noch als Tinnitus nachhallen? (So ähnlich vielleicht wie mit den arabischen Staaten, die man, kurz nach dem Ausbruch des dortigen Frühlings, besucht haben sollte, um nicht auch noch die dortigen Hotels versanden zu lassen?) Und tatsächlich kommt mir der Krieg so nah vor; 20 Jahre Feuerpause, das hört sich nach unzivilisierten Gräueln an, denke ich, und blende momentan die Kriege aus, die Deutschland so vom Zaun gebrochen hat – 45 Jahre Distanz schaffen in meiner Fantasie Unmengen an Zivilisiertheit.

Und dann komme ich in Zagreb an, und durch die Stadt hindurch leuchtet die Oktoberherbstsonne, gülden stehen Kathedraltürme und Oberstadt, sanft-warmes Licht schlängelt sich durch verwunschene Gassen, Kaffeehäuser sind vollbesetzt, eine Kindergartengruppe steht Spalier, die Ranzen geschnürt, vor den Häusern hängt die Wäsche zum Trocknen. Zagreb ist nicht unschön, nicht traurig, höchstens traurig-zauberhaft. Kitschige Beziehungsherzen am Aussichtsgeländer paaren sich mit dem Museum für Broken Relationships. Zagreb irritiert und überrascht, wir wundern uns im Gespräch, und ich geh mit 50 Seiten Reader ins Bett und bin gespannt auf morgen.

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