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Zweiter Tag. Wäre dieser Text ein Roman-Manuskript, er würde mir um die Ohren fliegen, zerrissen werden, wenn man ihn überhaupt des Lesens würdig fände. Denn was jetzt kommt, ist ein Rückblick, ein „Was-war-davor?“.

Nun, mein Background ist der: ich habe viele Stunden, Tage, Wochen beim Deutsch-Polnischen Jugendaustausch verbracht. Das war an vielen Punkten toll, wichtig und spannend. Oftmals aber: lange Vormittage, gefolgt von nicht kürzeren Abenden, die bei langatmigen Interview-Terminen drauf gingen: wir als Brandenburger Schülergruppe in einem Raum mit 10 polnischen Kids, mit denen wir uns auch in den Pausen nur gebrochen unterhalten konnten, Erwachsene, polnische Semi-Offizielle, die Lokalzeitung und freilich: der Zeitzeuge. Lange Monologe auf Polnisch, gefolgt von einer kommentierten, gefilterten Übersetzung ins Deutsche. Ich verstand kein Wort, in keiner der beiden Sprachen. So wichtig die Interviews und Treffen mit den Zeitzeug*innen waren, so viel ging auch verloren, rauschte an mir, an uns vorbei. Sprache war ein Problem, aber es zog sich weiter: irgendwann hatte ich beispielsweise auch den Moment verpasst, meinen eigenen Opa zu befragen, hatte ich verpasst, das offene Fragefenster zu nutzen. Irgendwann, bestimmt, hatte er schon mal erzählt, und wenn ich, älter, reifer, neu gefragt hätte, hätte ich mein Unverständnis zur Schau gestellt. Also vermied ich den Moment des Nach-Fragens, und irgendwann verstrich die Option ins Unmögliche. Und Nicht-Wissen war ein generelles Problem. Von wem, zur Hölle, sprach der Zeitzeuge, an welchen Orten hatte die Zeitzeugin gelebt? Namen und Orte franzten aus und ließen sich von einander nicht mehr differenzieren. Alles waberte, (zu) wenig blieb hängen.

Und jetzt, in Kroatien: ein Zeitzeuge, Herr Braun. Hat Auschwitz überlebt, bzw. Birkenau, mahnt uns, wir mögen nicht hassen. Als er diesen Appell an uns richtet, zum Abschluss des Gesprächs, kippt im Raum etwas, wir beginnen ein Schweigen, das Ehrfurcht blicken lässt, wir sind wach und halten zugleich inne, ich schlucke kurz und nippe noch an meiner Wasserflasche, weil mir Pipi in die Augen schießt. Wir sollen nicht hassen, sagt Herr Braun, wiederholt es, und auch seine Augen (in denen, wie M. sagt, etwas Schelmenhaftes liegt, und ich stimme ihr zu, ohne Widerwort), scheinen zu zittern – auch das eine Allegorie, die mir in einem fiktionalen Manuskript ganz sicher nicht gestattet wäre: Augen zittern nicht.

Seinen Appell, wir mögen nicht hassen, macht Herr Braun an einer Begegnung mit zwei SS-Männern fest. Mit denen hat er auf Kroatisch gesprochen; einer von beiden hat ihn, wie er sagt, auf den Todesmarsch geschubbst, und ihm dadurch, quasi, das Leben gerettet. Holocaust, Täterschaft, so nehme ich aus dem Gespräch mit, ist nicht nur schwarz-weiß, ist komplex und vielschichtig. Wir sollen nicht hassen. Wäre das ein zu einfaches Gefühl, frage ich mich und sehe Herrn Braun nach, als er durch die Straßen Zagrebs verschwindet. Er ist einer von drei noch Lebenden Zeitzeugen in Kroatien.

Ich weiß, ich kann auch die Begegnung mit Herrn Braun nicht in einem Protokoll wiedergeben. Vieles ist schemenhaft, aber ich behalte Eckdaten. Eckdaten, ein Gespür statt konkreter, validierter Zahlen. Und meine Angst vor dem Gespräch löst sich auf; ich bin nicht müde, sondern sauge jede Minute dieser Begegnung auf. Vielleicht war ich verwöhnt, durch all die Zeitzeug*innen, die ich während des Jugendaustauschs mit polnischen Kids aus Witnica getroffen habe, Überlebende, von denen ich in den meisten Fällen kaum mehr den Namen erinnere. Jetzt kapiere ich, sauge jedes Wort auf: bald gibt es nur die Erinnerung und vielleicht eine Smartphone-Aufnahme voller Tonrauschen.

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Ein Kommentar zu “Baldige Abwesenheit: Mit Zeitzeug*innen sprechen

  1. Ich muss es jetzt loswerden: Dein Schreibstil ist klasse! Wenn ich deine Texte lese, denke ich kein einziges mal zwischendurch „Wann kommt sie denn mal zum Punkt!“ oder schaue, wie lange der Text noch geht, was sonst so eine Angewohnheit von mir ist.
    xxx

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