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PGFRPlNI.jpgIm ehemaligen Konzentrationslager Jasenovac ist man auf viele Besucher vorbereitet: das gut beheizte Klohaus ist fast so groß wie das Museum selbst – Platz für eine Menge Leute, die sich ohne langes Warten nach längerem Rundgang durch das Lagergelände erleichtern wollen. Keine Schlangen vorm Pinkeln, denn: Jasenovac besucht kaum jemand.

Das Lager, am Fluß Save gelegen, etwa 100 Kilometer südlich von Zagreb, ist, was das Besucherverhalten angeht, so was wie der Gegenpol zu Auschwitz. Dort treten sich Besuchergruppen gegenseitig auf die Füße; hier haben wir den Eindruck, die Mitarbeiter der Gedenkstätte hätten an diesem Mittwochmorgen allein für uns aufgesperrt – wobei: aufgesperrt muss in Jasenovac nicht viel werden: das Gelände ist frei zugänglich. Eine Frau geht auf dem Grenzdeich mit ihrem Hund spazieren, ein paar Radfahrer radeln an uns vorbei. Wir sind die Sonderlinge; außer uns kommen allgemein nur wenige her, und an diesem Vormittag besucht außer unserer Gruppe nur ein Ehepaar die Gedenkstätte. Schnellen Schrittes gehen sie auf die Steinerne Blume zu, kehren bald wieder um, steigen hastig in ihr Auto. Was die wohl hier machen, frage ich mich, und bemerke am Denkmal zwei eben angezündete Kerzen: ob das wohl die beiden waren (statt der Kuratoren, die hier arbeiten)? Vielleicht kannten sie jemanden, der im Lager umgekommen ist, eine Großmutter, eine halbferne Tante?

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Die Steinerne Blume

Umgekommen sind in Jasenovac viele. Die Zahlen sind Gegenstand Grabenkampf-artiger Debatten. 700 000 sagen die einen, 80 000 sagt die aktuelle Forschung. Wer sie getötet hat? Die Ustasa, also ausnahmsweise nicht die Deutschen, zumindest nicht in erster Linie. Jasenovac war das einzige Vernichtungslager im Zweiten Weltkrieg, in dem – weitestgehend – ohne deutsche Beteiligung planmäßig gemordet wurde. Dieses planmäßige Morden aber – und hier ein klarer Unterschied zu Auschwitz – fand ohne Gaskammern statt; in Jasenovac gab es (eigentlich) kein Zyklon B und keine Krematorien. Jasonavac war anders brutal, und wer den links liegenden Ausstellungsraum im Museum betritt, läuft den Mordwerkzeugen geradewegs und sofort, ohne weitere Vorwarnung, in die Arme: auf dem Boden dort, unter einer Glasdecke, sind Axt und Hammer ausgestellt.

„Leichte Schläge auf den Hinterkopf“ – mir geht diese Phrase nicht aus dem Kopf, und ich beiße mir auf die Zunge bei der Vorstellung daran, wie die Leute hier getötet wurden. Schlimmer noch: etliche, so haben Untersuchungen gezeigt, sind nur halb getötet worden. Die „leichten Schläge auf den Hinterkopf“ waren oftmals nicht lethal, die Leute verscharrte man halb lebend, halb tot ins Massengrab.

Aber eigentlich wurden die Leute gar nicht in Jasenovac getötet, sondern auf der anderen Seite der Grenze. Dort, im heutigen bosnisch-herzegowinischen Gebiet, befindet sich die Gedenkstätte Donja Gradina, und hier, auf einer bewaldeten Halbinsel, wurde getötet, was das Zeug hält. War besser, es dort zu tun, hatten es die Partisanen doch schwerer, eher: unmöglich, ins Lager zu gelangen und irgendwen zu befreien.

Unser Guide weicht unseren Blicken aus, sieht uns nicht in die Augen. Wir denken kurz, er stottert, findet die Worte nicht, aber die Notwendigkeit der Übersetzung (keine von uns spricht Kroatisch) macht es schwer, das einzuschätzen. Vielleicht schläft er wenig, vielleicht trinkt er; der letzte Krieg ist noch nicht lang vorbei (auf Englisch sprechen alle Kroaten, alle Bosnier die wir treffen immer vom „recent war“, dem „kürzlichen Krieg“, wie als wollen sie einer klaren Benennung ausweichen). Der Guide aber, so haben wir den Eindruck, ist Besucher nicht gewohnt; seine Tour macht er selten, und als er schließt, steckt er sich, noch über den Massengräbern, eine Zigarette an, die raucht er auf, begleitet uns zurück zum Geräteschuppen, der jetzt sein Büro ist, verabschiedet sich rasch – sein Feierabend sei seit einer Stunde vorbei. M., die für uns übersetzt, sagt, zu Hause warte sein Baby. Vielleicht ist es doch nicht der kürzliche Krieg, der ihn wachhält, vielleicht ist es das kleine, neue Leben.

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