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Nun, Starbucks ist de facto jetzt nicht das Vorzeigeprojekt einer sozialen Weltwirtschaftsordnung. Wer den Laden also aus selbigem Impuls (oder etlichen anderen denkbaren Gründen) heraus meidet, mag mit den folgenden Gedanken grundsätzlich so seine Problemchen haben. Dennoch will ich ein paar Überlegungen, die ein kürzlicher Starbucks-Besuch mir in Sachen Weltgerechtigkeit, Moral, Erpressung , Gesundheit und Selbstbestimmung beschert hat, hier teilen. Diskussionsbeiträge und weitere Anregungen sind gern gelesen.

Also, ich so, mit ner Freundin, die ich viel zu lange nicht gesehen habe, abends beim Starbucks am Potsdamer Platz. Der Laden ist recht leer, J., die Freundin, bestellt ein Kaffeegetränk mit Soja-Milch. Als sie’s hinten am Abholcounter abholen will, fällt ihr das fehlende Häkchen bei „Soja-Milch“ auf, was sie zum Nachfragen anregt, ob denn auch tatsächlich Soja-Milch verwendet wurde.

Der Barista so: „Nee!“, nimmt das Getränk zurück, wohl um ein neues zu bringen, und nuschelt sich dabei ein „Kinder in Afrika“ in der Bart. J. hat das nicht gehört, ich zögere also einen Moment, ob ich reagieren soll – eventuell will sie keine Intervention, vielleicht hat sie bewusst weggehört. Aber ich bin auf 180, und deswegen frage ich eben doch nach.

Und der Barista wiederholt: „In Afrika hungern Kinder, aber klar kipp ich das hier weg und mach euch ein neues Getränk!“

Äh, hallo?!? Mir gehen 100 Sachen durch den Kopf:

  • Sind wir zu pingelig? (Ja, bevor wir in den Starbucks gegangen sind, waren wir bei Pommes de Terres, wo ich eine Baked Potato gegessen habe – deren Schale war ziemlich angekohlt, aber ich hab die Kartoffel dennoch gegessen. Innen ging’s ja, also habe ich sie nicht reklamiert. Zu pingelig? Eher nein.)
  • Ist der Typ meine mahnende Mama, mein ständig grimmiger Großvater? „Is Deinen Teller leer, in Afrika hungern die Kinder!“ „Früher, im Krieg, haben wir krepierte Pferde essen müssen, also hab Dich nicht so und iss gefälligst die Leber!“
  • Ist vegan Luxus? Sieht der Fuzzi in meiner Freundin und mir hippe In-Veganer, die zwar auf Tierrechte setzen, aber in Kauf nehmen, dass Essen weggeschüttet wird, während auf der Welt zu viele Menschen hungern? Hier, aber wohl nur hier, würde ich ihm beipflichten: Ja, das mag tatsächlich problematisch sein, wenn ich aus Pille-Palle-Gründen im Restaurant, in der Kantine oder Mensa Essen reklamiere und zurückschicke, mit Bitte um Ersatz, wobei zu klären bliebe, was diese Pille-Palle-Gründe denn sein mögen. Ich selbst zum Beispiel esse, aus verschiedenen Gründen, nur phasenweise vegetarisch und meistens nicht vegan, bin also nicht dogmatisch, was Fleischfreiheit angeht. Außerdem habe ich glücklicherweise nur echt wenige Unverträglichkeiten, was Nahrungsmittel angeht – ich muss also meistens(!!) nicht auf bestimmte Zutaten achten. Wenn ich, angenommen, momentan kein Tier esse, und es im Restaurant eine blöde Verwechslung gibt, und ich dann statt Brokkoli-Pizza eine Pizza mit Meeresfrüchten serviert bekäme, würde ich die, bevor sie einfach weggeschmissen wird, sehr wahrscheinlich essen. Und ja – hier habe ich eine klare Linie – Menschen gehen für mich vor Tiere. Das mag Speziesismus
    Mein trotzig auf den Starbucks-Tisch gerotzter Pfefferminzteebeutel

    Mein trotzig auf den Starbucks-Tisch gerotzter Pfefferminzteebeutel

    sein, aber dann stehe ich meinetwegen auch dazu.

  • Moralkeule? Warum ermahnt uns der Barista-Fuzzi mit dem Hinweis auf den Hunger in der Welt? Ja, sicher, er hat Recht. Und ja, mein Pfefferminztee hier in diesem Eumel-Laden kostet mich 2,65 Euro, das Milchgetränk meiner Freundin irgendwas zwischen 4 und 5 Euro. Ja, zu Hause wäre das um ein großes Vielfaches preiswerter gewesen, sehr viel Ressourcen-schonender und so weiter. But hell – wir konsumieren alle irgendwie, und J. und ich waren am Bahnhof, sie musste gleich den Zug nehmen, ich in die U-Bahn springen. Für Besuche zu Hause war keine Zeit, also Starbucks. Das ist etwas atmosphärischer als McDonalds (weil weniger grell-hell), aber nicht ganz so überbordend teuer wie das „Lutters“ am selben Ort. Aber wieso kritisiert uns der Starbucks-Barista-Fuzzi für unseren Starbucks-Konsum, wenn er doch selbst dort hinterm Tresen steht? Ist das Subversion? Ein gerechtfertigter Reminder an all das Übel in der Welt? Sollten wir nie wieder eine Entscheidung pro individueller Beziehungspflege und contra Rettung der Welt treffen? Hätten wir auf das bissel Hedonismus verzichten sollen?
  • Warum ahmt der Barista-Fuzzi meine mahnende Mama und den unentwegt grummeligen Großvater nach und ruft ein paar unterdrückt gehaltene Ess-Anomalien meiner Person ans Licht? Hat der niemand anderen zum Dissen, vielleicht jemenschen, auf den so eine plumpe Moral-Anmache nicht gleich Fat-Shaming-Vermutungen triggert?

Die Liste könnte noch um etliche Punkte ergänzt werden, aber ich will’s erstmal dabei belassen. Sagt mal gern Ihr, was Ihr dazu denkt. Lieg ich irgendwo ganz falsch? Hätte ich von Anfang an nicht zu Starbucks gehen sollen oder bin ich jetzt etwa Schuld am Hunger in der Welt? Kommentiert, egal ob hier oder bei Facebook.

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Ein Kommentar zu “Kinder in Afrika und Mosern bei Starbucks

  1. Ich hätte ihn stehen gelassen, dann hätte er sich den Drink auch dahin stecken können, wo es dunkel ist.
    Für mich ist Starbucks hier inzwischen der letzte Scheiß, weil ich in den USA bei Starbucks war und dort Kaffee auf einem Level erlebt habe, den ich hier noch nicht erlebt habe.

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