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Ihr kennt das, die Sache mit der Vorfreude. Da habt Ihr ein Date, das völlig unspontan, nämlich mit einem Tag Vorlauf ins Haus (in den Club, ins Kino oder sonstwohin) steht, Ihr zermartert Euch pünktlich nach Ausmachen des Termins das Hirn über Euer sonst völlig perfekt-okayes Aussehen, findet plötzlich alle Klamotten zu doof, alle Kilos an Euch zu viel, und dass Ihr erfolgreich die Grundschule abgeschlossen habt, vergesst Ihr auch ganz zackig, und stammelt lediglich noch Schwachsinn, sobald die Person of Your Interest Euer Haus, den Club, das Kino oder sonstdawo betreten hat. Das Ganze verläuft also eher semi, gradmal mau, um nicht zu sagen: beschissen. So ist das mit der Vorfreude: manchmal ist und bleibt sie doch die schönste Art des Verzücktseins.

Nun, so ähnlich wie mit einem abgekühlten Date lief’s neulich mit mir und der Buchmesse. Ich so: ganz schön heiß auf diese Verabredung, immerhin versprach die LBM 2016, der heißeste Typ, die tollste Sahneschnitte, das Tüpfelchen auf dem „I“ unter allen vorstellbaren Literaturevents zu werden (scheiß doch auf den Nobelpreis!). Das lag gar nicht so sehr an der Comic Con (ich steh nicht auf Fasching und schau eh keine Filme), auch nicht am verliehenen Buchpreis (keinen Schimmer, welche male-privileged Sahneschnitte den in diesem Jahr wieder abgreifen durfte) noch an den unschätzbar wertvollen Gimmicks, die die großen Verlage so raushauen (ey, die hatten nicht mal Brillentücher dieses Jahr!).

Der Grund, weswegen ich in diesem Jahr so heiß war auf die Leipziger Buchmesse, der Anlass, aus dem ich gespannt war wie ein Flitzebogen, erregter als Samantha Jones in allen (!) Sex and the City – Folgen zusammengenommen, hat mit der Biologie und dem Zeitvertreib der allerschönsten Erdentiere, die’s im Weltall nur so geben kann, zu tun: Ich war wegen der Einhörner auf die Buchmesse gefahren.

Einhörner? Ja, Einhörner. Die Leipziger Buchmesse hatte in diesem Jahr, sagen wir es offen – und ja, hier ist Eigenlob und Egozentrik absolut erlaubt – nämlich nur ein einziges lesenswertes Buch zu bieten, und das handelt von Einhörnern und deren Fortbewegungsweisen. Einhörner, die schwimmen nämlich nicht. Oder, wie das Buch der Bücher es übersetzt: Unicorns don’t swim.

So (und kein bisschen anders!) lautet der Buchtitel der Buchtitel, die Bibel unter den Kurzgeschichten, der Katalog des wirklich Lesenswerten. Nicht ganz unbedeutend, dass die Einhörner von der wunderbar wunderbaren Antje Wagner herausgegeben wurden. Die Unicorn-Geschichte aber, und hier setzt wieder mein Honigkuchenpferdgrinsen ein, die Unicorn-Geschichte stammt von mir.

Wenn man also eine Geschichte schreibt, die – man mag das mit „mehr Glück als Verstand“ treffend umschreiben – dann noch zum Titel der dranhängenden Anthologie wird, dann darf man schon gespannt sein, auf die nächstbeste Buchmesse.

Aber, aber, weit gefehlt. An der Buchmesse nämlich war nichts gut, und alles weit davon entfernt, „das Beste“ zu sein: Voll war’s. Ich Trottel fahr an nem Samstag hin. Jaja, meine gute, moralisch und politisch korrekte Kinderstube verbietet mir, von „Menschenmassen“ zu sprechen, oder mich auf SPIEGEL-Niveau einer „die Buchmesse ist voll“-Methaphorik zu bedienen. Aber ernsthaft: man konnte nicht treten, man konnte nicht gucken, nirgendwo konnte man innehalten und in Ruhe einen Eierkuchen essen, immer musste man NEBEN den zu wenigen Bierbänken STEHEN, den Nutella-Crepe auf der Hand, die Schokoladenmarmelade den Arm runtertriefend. So kann ja wohl keiner ein Buch mit raus nehmen. Also blieben all die Romane und neu prämierten Schulbücher, alle Zeitschriften von mir nur kurz gestreift. Nirgendwo blieb ich wirklich hängen, für nix hatte ich ausreichend Muße, mich reinzulesen oder anfixen zu lassen. Zählt man all die Ellenbogen, die mir in die Magengrube stießen, alle Füße, die auf meine latschten, und alle runtergefallenen, unzerkauten Crepes zusammen, hab ich am Samstag auf der Buchmesse vermutlich noch nicht mal das Lesesoll eines Schulanfängers zu Beginn der ersten Herbstferien gelesen (und damit vermutlich immer noch 4 mal so viel wie alle AfD-Wähler bei den letzten 3 Landtagswahlen zusammen genommen).

So also entpuppte sich das vielversprechende Sahnetörtchen, für das ich die Buchmesse gehalten hatte, als krümeliges Croissant: völlig unlecker, gar nicht buttrig, und mit ganz viel Teigbröselchen, die einem im Schal hängen bleiben, wenn man das Backwerk morgens hastig in der S-Bahn verdrücken will. Nächstes Jahr mach ich Diät und fahr wohl an nem Freitag. Oder Sonntagnachmittag, kurz vor Schluss. Bis dahin setze ich mich in ein leeres Leipziger Café und lese. Was von Antje Wagner, oder eine neue Geschichte von mir selbst.

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