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Erwartungen an Mütter und Mutterrolle können ziemlich hoch gestochen sein. Trotzdem, oder gerade deshalb: meine Top Ten an Basics, die Mamas erfüllen sollten

Muttis können das, Mutti wird’s schon richten. Allerspätestens mit Sheryl Sandberg sind aus Müttern unübertreffbare Geschöpfe geworden, Geschöpfe, die lächelnd alles meistern (allesalles!), niemals zagen, nimmer klagen, dafür Batman, Superman und Wonder Woman in einem sind, bitteschön ohne etwaige Schnitzer, und auch nicht mit Rissen oder Kratzern wie Jessica Jones. Mütter sind Götter, das zeigt sich seit ein paar Jahren auch am Muttertags-Hype, dann, wenn Mutti mal nicht selber Frühstück macht, sondern fleißig lächelt, wenn Kind und Kegel ihr angebrannte Pancakes ans Bett stellen, im dazugereichten Kaffeepott zu viel Milch, so dass mit Sicherheit was auf’s Laken kippt, aber heute, am Muttertag, da tauscht Papa die Leinen.

Meine Mutter hatte ja ihre ganz eigene Art, mütterliches Multitasking zu meistern. Fluchen und rülpsen gleichzeitig ging gut, dazu kam an ihren heiteren Tagen mal ein rauh gegröhltes „Ausländer raus“, mal ein stramm gesteckter Arm, ein impulsiver Hitlergruß, der sich schwerlich nur als Tourette-Ausrutscher kaschieren ließ. Multitasking hin oder her, in den allermeisten Bewertungen, die ich über die Frau, die meine Mutter war, so anstelle, kommt sie nicht unbedingt als Streberin oder Musterschülerin davon. Vielmehr hab ich mit der Minenfeldfrage und meinem Groll auf Heile-Welt-Serien wie die Gilmore Girls meine Mutter schon ziemlich deutlich in Dunkeltönen gezeichnet.

Aber ich will – auch weil dieser Muttertag ein besonderer für mich ist, ein erster und neuer und halb-phantastischer –  die Ansprüche und Erwartungen, die ich, irgendwie noch immer, an meine Mutter stelle, nochmal kritisch prüfen. Vielleicht habe ich, all die Jahre, zu viel von ihr verlangt, wollte Superheldin statt „auch nur ein Mensch“, wollte in Wahrheit doch Lorelai Gilmore und Fernsehweltglitzer, lieber die Macken Helga Beimers als die realen Schnitzer meiner eigenen Vorfahrin hinnehmen. Waren meine Ansprüche zu hoch?

Um zu prüfen, ob das, was ich Müttern, meinem Bild von Muttersein, abverlange, vielleicht doch unrealistisch-überfordernd ist, hab ich mal die Top Ten meiner Mama-Expectations zusammengestellt. So eine Art offener Brief an die besoffene, immerschon tote, zu früh gestorbene Flucherin.

  1. Wissen, was ich mache, zum Beispiel in der Schule: vielleicht wissen sowas allgemein nur wenige Eltern (auch mein „Erzeuger“ hätte es nicht beantworten können!), aber: meine Abi-Leistungskurse aufzählen können. Komm schon, so schwer war das nicht, waren ja nur zwei.
  2. Worte statt Kohlenhydrate: vielleicht ein … überkandidelter Wunsch meinerseits („überkandidelt“ fandest du ja vieles, was ich gemacht und gesagt habe), aber: Manchmal hätten mir Worte, ein Gespräch statt noch einem Nachschlag Mittagessen gut getan. Aber, as I said, das fandest du „überkandidelt“. Was immer das heißen mag. (Zu hohe Ansprüche meinerseits?)
  3. Du in der Schule: An meinem Abiball nüchtern bleiben, mich nur halb blamieren. So gesehen war’s nicht mal das Schlechteste, dass du nach anderthalb Stunden schon die Schnauze voll hattest und einfach gegangen bist.
  4. Nachtisch an der Wand und Fäuste durch die Glastür: Vielleicht hab ich zu viel in Ikea-Katalogen gestöbert, aber ich finde, volle Joghurtbecher an der Wohnzimmerwand und deine durch meine Zimmertür geschlagene Hand, mitsamt der luftigen Privatsphärelosigkeit in den darauffolgenden Wochen, machen keine tolle Inneneinrichtung.
  5. Promillefreies Autofahren, die erste: Wenn du mich von der Schule abgeholt hast (Danke dafür), mittags um 13:10, nicht schon gefühlte 3,1 Promille intus haben. Irgendwann gingen mir die Spontan-Ausreden aus, weswegen ich Freunden sagen musste: nein, du kannst nicht bei uns mitfahren.
  6. Mahlzeit! Dein Kommentar, als die Bilder von 9/11 ganz aktuell über die Mattscheibe flimmerten (so schlimm und erschreckend die Weltpolitik in dem Moment war), war irgendwie semi-cool: Du würdest uns sowieso Gift ins Essen tun, würde sich die Weltlage verschlimmern. Sagtest dies, und stelltest den Topf mit Nudeln auf den Tisch. (Kleiner Reminder: Auf „zu viele Ausländer“ im Kaff reagiertest du mit dem Wunsch, Hitler möge noch am Leben sein; deiner Einschätzung einer „schlimmen Weltlage“ war also nur bedingt zu trauen.
  7. Nach 10, 15 Jahren vielleicht doch mal das Scheidungstrauma angehen: Sicher, Trennungen sind doof, Verlassen-Werden ist kacke, mit Kindern (mehr als einem) bestimmt noch zigfach so oll. Aber nach einer Dekade hättest auch du es schaffen können, den Gedanken, dich in derselben Kleinstadt wie mein Vater aufzuhalten, halbwegs zu ertragen. Deine Anwesenheit zu Th. 18. Geburtstag wäre bestimmt eine willkommene Überraschung für alle gewesen. Aber nein, du musstest ja schmollen und warst damit befasst, die Welt zu hassen, auch 10 Jahre nach der Scheidung.
  8. Apropos gleichzeitig irgendwo mit meinem Vater sein: es hätte, als ein Anfang, schon gereicht, wenn du dir, nach mehrmaligen Bitten, abgewöhnt hättest, ihn meinen „Erzeuger“ zu nennen. Dir mag das wie eine Strafe für ihn vorgekommen sein (obwohl ich weiß, dass ihn das keinen Deut juckte), aber ich hatte irgendwann einfach keinen Bock mehr drauf, von dieser-deiner Sprachwahl zum Produkt gemacht zu werden, noch dazu einem, das du herzlich gerne übersehen hast.
  9. Promillefreies Autofahren, die zweite: Einfach diese Art Ritual, das du hattest, abstellen: abends, nach so-und-so viel Dosen und einer Flasche Klarem, nicht mehr zum Autoschlüssel greifen, und sagen, du führest jetzt gegen nen Boom. Erst Stunden später wieder zu Hause auftauchen. Die Zeit dazwischen war irgendwie unentspannt.
  10. Nicht Jahrelang schon tot sein, bevor du Krebs bekommst: Deine Depressionen, deine Melancholie, waren zum kotzen. Dein immerfortwährendes Schwarzgemale, dein „Die Welt ist schlecht und wird sich niemals ändern“ und der alles füllende Imperativ, all deine Töchter mögen das genauso finden (und keinen Spaß haben an irgendwas, bitteschön!) …

Ich weiß nicht genau, ob Mütter, wenn sie sich an die paar Basics halten, schon zu einer Sheryl Sandberg mutieren, ob meine Ansprüche vielleicht… überkandidelt sind. Aber, das nehme ich mir vor: für diese neue Ära Muttertage die eigenen Traumata nicht wie die Pest auf alle anderen übergreifen lassen. Schlechte Launen mit mir selbst ausmachen, so viel Verantwortung muss sein. Ich glaube, dann ist es auch nicht so schlimm, wenn ich später mal keinen Bock drauf habe, den Schulchor zu leiten, während ich gleichzeitig meinem Nachwuchs Mathe-Nachhilfe gebe. Und dann noch gleichzeitig joggend das Abendesse serviere.  Das macht keine Mutti Almighty aus mir, ist aber auch keine überkandidelte Anspruchshaltung.

 

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