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Der Theodore Finch, den Autorin Jennifer Niven sich für ihr Buch „All the Bright Places“ ausgedacht hat, ist ein Außenseiter, ein „Freak“, wie ihn die anderen Kids an der Highschool nennen. Aber: ein sexy Außenseiter. Klar, nerdig, manchmal nervt er die anderen auch tatsächlich, hat nur ein paar Freunde, einen Hang zum Exzentrischen. Aber eben auch: liebenswert und ziemlich cool, und –  das ist eines der Dinge, die ich an „All the Bright Places“ so mag –  Theodore Finch ist cool, und zwar ganz und gar nicht auf die bemitleidenswerte Art, sondern genuin, wahrhaftig er selbst, zumindest oft. Was auch immer das heißen mag.

Denn Finch probiert sich aus, probiert immer wieder neue Facetten seiner selbst. Mal ist er 80ies Finch, Vegetarier, Raucher, mal wieder jemand ganz anderes. Er versucht sich in Rollen von sich selbst, immer wieder de-konstruiert er sich neu. Und doch wird Finch von einer Kontante begleitet: Finch ist, auch wenn das manchmal nur andeutungsweise bleibt, auf eine unsagbare, unkurierbare Art traurig.

Die Geschichte um Finch und Violet Markey setzt ein, als Finch gerade wieder aufwacht. Aufwacht nicht aus nächtlichem Schlaf, sondern, so ist anzunehmen, aus einer langen Phase der Depression, in der er nicht zur Schule geht, sich im begehbaren Kleiderschrank seines Zimmers verschanzt, seinen Gemütszustand dabei aber vor den meisten Menschen, eingeschlossen seiner Mutter, geheim hält. Die hat selber genug um die Ohren, seit der Vater, der Finch wieder und wieder verprügelt hat, ausgezogen ist und eine neue Familie gegründet hat.

Depression, Scheidung der Eltern, in der Schule der Außenseiter sein: ganz ehrlich: wenn man selbst nicht gerade die Leichtigkeit des Seins mit Löffeln gefressen hat, kann man sich schon dazu hinreißen lassen, zu fragen: Was hat der eigentlich für ein Problem, dieser Finch? Ist doch alles halb so wild.

Und tatsächlich: Finch verliebt sich, was auf krass schöne, abenteuerliche, weltbewegende Art und Weise erwidert wird. Finch ist wieder wach und meistert so halbwegs seinen Alltag. Scheint alles im Lot, irgendwie. Sooo viel Traurigkeit peitscht uns beim Lesen fast gar nicht ins Gesicht, das alles scheint händelbar. Red einfach mit deiner Mutter! Such dir einen qualifizierten Therapeuten! Dann wird’s bestimmt bald besser werden. So ähnliche Dinge gingen mir durch den Kopf, als ich lesend Finchs Entwicklung verfolge. Aber das ist vermutlich symptomatisch: von außen sieht alles gar nicht sooo schlimm aus. Dass Finch dann doch handelt wie er eben handelt, dass Violet, seine Freundin, fast stoisch-kalt auf Finchs finalen Entschluss reagiert, all das wirkt nur schwer nachvollziehbar. Da hätte es Auswege gegeben, denke ich, rufe ich fast wütend, und will Jennifer Niven ein alternatives Ende um die Ohren hauen.

Für Suizid, das große Thema in „All the Bright Places“, gibt es für die Betroffenen oftmals aber keinen Ausweg, zumindest nicht in ihrer Wahrnehmung. Dass die Wahrnehmung der (vermeintlich) Außenstehenden dabei eine ganz andere sein mag, das spiegelt Jennifer Niven auf ganz besondere Weise, und darin liegt die Kraft ihrer Geschichte: irgendwie sind wir die Außenstehenden, die, wie im wahren Leben auch oft, nicht nachvollziehen können, was Finch denn tatsächlich durchmachen muss.

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