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Angeblich lesen sich Comics ja ganz flott weg, behaupten zumindest die Banausen. Lies nen Comic, und schwupps haste 70 Bücher pro Jahr geschafft. Finden die Banausen. 

Bei „El Deafo“ von Cece Bell klappt das leider nicht. Das schlägt man auf, liest ein paar Seiten, und dann klappt man es fix wieder zu und flennt erstmal. El Deafo, die Superheldin dieses Buches, wird nämlich krank und kann anschließend kaum noch irgendetwas hören. Und beschreibt das aus der Kindersicht. Und da sich in meinen Augen schon wieder Pipi tummelt, geh ich jetzt erstmal schnell pullern, oder einen Joghurt essen. Oder so.

Weil also das Buch so traurig beginnt, und ich eine kleine Erzählmauer als Panzer brauche, hole ich mal aus und sage, woher ich das Buch hab. Ich hab das nämlich aus Washington mitgebracht, aus einem ganz wunderbaren Comicladen am Dupont Circle. Stromern konnte man da, ganz lange sitzen und reinlesen in all die bunten Bilderwelten. Dabei wusste ich ja schon, dass ich eigentlich nur dieses eine Buch will. (Ich bin nämlich auch ein Banause; außer „Persepolis“ und früher die Micky-Mouse-Hefte lese ich ja auch keine Graphic Novels. Und außerdem: Bücher im Flugzeuggepäck sind doof teuer. Aber ein paar Tage vorher hatte ich in New York an einer Lehrerfortbildung teilgenommen. „Comics in the Classroom“. Und da war dann schnell klar, dass El Deafo bei mir ins Kallax einzieht.)

Naja, jedenfalls sitz ich da in Washington, lese in El Deafo rein, und es wird holprig. Schon damals, im Sommer 2015, kam ich kaum über die ersten paar Seiten hinweg. Das ist nämlich wirklich erstmal ganz traurige Kacke, die da passiert, als Cece, die Heldin, vier Jahre alt ist. Aber sie erzählt das so wunderbar schön, und mit so wundervollen Bildern, dass man Cece ganz schnell lieb haben muss. Und dann liest man auch weiter, jedenfalls sobald die Augen wieder trocken sind, und der kleine Mann im Beistellbettchen nochmal geknutscht ist und sein Schlafatem nochmal kontrolliert wurde. Und dann schiebt man die Angst, dass der kleine Mann im Beistellbettchen auch mal ein Buch so beginnen muss, zur Seite. Und ist bereit dafür, Cece mit voller Wucht kennenzulernen. 

Schüchtern ist diese Vierjährige, tappst durch ihre Welt und muss erstmal verstehen, was das heißt, nix mehr hören zu können. Durch ihre Bildsprache bringt sie das den Lesern ziemlich nahe. Sag ich so, aber ich bin Banausin, immerhin kann ich hören und mir über die Deaf Community eigentlich gar kein Urteil bilden. 

Die Grundschuljahre, über die sie schreibt, sind so, wie Grundschuljahre oft sind: geprägt durch die Suche nach Freundschaften,  Streits und Missverständnissen, erstem Verknalltsein. Aber Cece, unsere Heldin, schafft sich mit „El Deafo“ ein alter ego und wird, trotz aller Unsicherheiten und mancher Schikane, am Ende erst zur Heldin ihrer Mitschüler und dann auch selbst sehr glücklich. Und weil man Cece schon 200 Seiten und ungefähr 1000 Zeichnungen lang begleitet hat, ist diese Freude über ihre Fröhlichkeit letztlich so groß wie die Tränen zu Beginn der Geschichte. Mindestens.

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