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In einer Vertretungstunde habe ich einmal eine Klasse beaufsichtigt, die von ihrem Lehrer die Aufgabe bekommen hatte, den „Herrn der Fliegen“ zu schauen. Popcorn essen wäre okay gewesen, aber die Klasse sollte nicht über Tische und Bänke und nicht durchdrehen oder schwänzen. Dafür zu sorgen war ich da, inhaltlich hätte ich die Schüler nicht anleiten können. Ich kannte Herr der Fliegen nicht; das Buch hatte sich an mir vorbeigeschummelt und ich schaue nur selten einen Film.
30 Kids. Über die ich die Aufsicht hatte. Die Kinoversion eines Buches, über das es vielleicht mal hieß, es sei „mutig und brutal“.

Als „mutiges und brutales“ Buch bezeichnet die ZEIT jedenfalls Janne Tellers NICHTS. 7 Tage, 5 Bücher, und jetzt, am Ende dieser kleinen Challenge gegen mich selbst, bin ich sprachlos. Nichts ist brutal sondergleichen. Ja, eine Parabel auf das Leben, auf Sophies Welt meinetwegen. Rape Revenge und somit vielleicht berechtigt, aber es ist eigentlich nicht klar, warum am Ende eine ganze Klasse zu Tätern wird. Denn, so viel Wut macht Nichts in mir, dass ich dem Buch wehtun und sein Ende verraten will, dass nämlich die Klasse den Irren auf dem Pflaumenbaum tot tritt. Sie prügeln ihn und treten ihn bis er stirbt, und dann zündet einer von den Blagen das alte Sägewerk, in dem er liegt, und in dem scheinbar der Sinn des Lebens hocken soll, an, und sie kommen mit einer Versetzung davon. Es sind ja noch Kinder. Die tun nichts, die wollen nur spielen. 

Man kann Nichts sicher mehr abgewinnen. Man kann die Parabel dechiffrieren und eine Kritik an blindem Gehorsam herauslesen, oder das so interpretieren oder doch anders. Aber bevor man das tut, muss man  … und hier weiß ich nicht, was ich sagen soll, hier fehlen mir die Worte und ich gehe pullern, esse einen Joghurt und sage _ nichts
Den Herrn der Fliegen habe ich zusammen mit der Klasse an einem Freitag geschaut. Letzte Stunde. Ich war die Vertretungslehrerin, ich kannte den Film nicht, und plötzlich wirft ein Filmkind einem anderen einen Stein auf den Kopf. Einen brutalen Stein, keinen mutigen. Die Klasse guckte den Film zu Ende, es war ihre Aufgabe. Sie sprangen nicht über Tische und Bänke und sie drehten nicht durch.

Ich schloss den Klassenraum nach ihnen ab. Ich ging nach Hause zu meinen Freunden und den ganzen Freitagnachmittag sprach ich kein Wort. Der Stein hatte das Kind getötet, die Kinder hatten das Kind getötet. Alles, und damit auch Nichts, ist brutal, aber nichts davon schien mir mutig, weder an diesem Freitagnachmittag in der Schule noch heute Nacht mit Janne Teller. 

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