Home

Gestern hat mich, auf eine nicht ganz einfach zu beantwortende Frage zu qualitativen Forschungsmethoden, die ich gestellt habe und mir vom Befragten eine kleine, kurze, alles erhellende Antwort gewünscht habe, gefragt, ob wir denn nicht mal telefonieren wollten. Als Reaktion auf den Telefonier-Vorschlag hab ich mich erstmal tot gestellt.

Ich meine: ja, ICH habe ein Anliegen, ICH will es mir billig und möglichst einfach machen und nicht selber einen Inhalt recherchieren, sondern bitte eine Lösung rausgesucht und auf dem Silbertablett serviert bekommen, gern mit ein, zwei Stücken Steak und Schokokuchen garniert. Was aber gibt es: „Lass mal telen!“ T-E-L-E-N! Wann werden die Menschen verstehen, was das vom Universum fordert, wenn man andere um ein Sprechdate bittet?!? Ein Telefonat, das ist eins-zu-eins-Kontakt par excellence, und zwar nämlich: Anstrengung pur. Ungefähr so, wie sein Abitur im Kolleg nachmachen, aber der einzige Schüler im Abendkurs sein. Eins-zu-Eins, das heißt: man muss alle Antworten kennen. Mal eben popeln oder ob der Hausaufgaben, der man letzte Nacht mit völliger Gleichgültigkeit begegnet ist, unter den Stuhl huschen, geht nicht. Eins-zu-Eins will Reaktionen, will Zuhören und Back-Channeling a la: jaja, Mutter, ich bin noch da. Jaja, Schatzi, ich höre Dir zu.

Ich-höre-Dir-zu. Das kann man aber nicht einfach abspulen wie das Revival-Album der fast kompletten Kelly-Family in irgendeiner Chart-Show. Nein, das Ich-höre-Dir-zu gehört kreativ versichert. Ist man erstmal rangegangen, hat man die gesamte Klaviatur der Reception Signals durchzudeklinieren: Aha. So so. Ist ja interessant. Wie war das noch gleich, erzähl mal. Klar, am Telefon popeln, das geht schon irgendwie. Aber man muss sich schon vorsehen, nicht dass man Nasensektet UND Gesprächsfeedback zusammen runterschluckt. Am anderen Ende könnte sich Unsicherheit ausbreiten: bist Du noch da? Zur Herstellung des Sicherheits-Gefühls werden dann einfach die letzten 1000 Tage Telefon-Monolog einfach nochmal erzählt. Sicher ist sicher.
Dass Leute überhaupt noch telefonieren, ist also gleichsam Rätsel wie Graus. Ein Wunder, dass Smartphones überhaupt noch mit vorinstallierter Telefonier-App geliefert kommen.
Über all das sinnierte ich, während ich eine Reihe von Sprachnachrichten anhörte, die mir ein Mensch, den ich mag, per WhatsApp geschickt hatte. Drei Nachrichten a 5 Minuten, give or take.
Drei mal 5 Minuten. Das ist ne Viertelstunde, das ist ewig.
… aber während ich im Bett liege und lausche, erledige ich eben mal, mir selbst den Po zu kratzen, ein bissel zu pupsen, die nackten Nachbarn im Fenster gegenüber zu begaffen und auch sonst Dinge zu tun, von denen man auf Instagram nichts zeigen darf.
Ich kann ihr zuhören, zurück spulen, wenn die Pupsgeräusche überhand nehmen und ich Dinge nicht hören konnte. Aber vor allem: ich kann mich in die 3×5 Minuten echt reinhängen. Kein: shit, Rückmeldung vergessen, kein debiles „Jaja, klar bin ich noch dran!“.
Die Freundin hat ein Hörbuch ganz für mich gebastelt, mit Text, der mich interessiert. Aber sie gibt mir den Freiraum, das Geschenk unbeobachtet zu Hause auszupacken. Meine Rückmeldung darf verzögert kommen. Bei all der Schnelligkeit, die E-Mails uns abverlangen, bei all dem Zwang, sofort zu antworten, hat so eine Sprachnachricht via WhatsApp etwas wundervoll Antiquiertes. Rückmeldungen müssen nicht instantly erfolgen. Versicherungen a la: ja, ich höre Dir zu. Ich höre Dich, verstehe Dich, all die kleinen Zwischenworte, die „Hm-Hms“ und „Ahas“ dürfen praktisch die lahme Postkutsche besteigen und erstmal klönen, bevor sie beim Empfänger eintrudeln. Sich überhaupt auf den Weg machen müssen. 
All die Entschleunigung entspannt ungemein. Denk ich mir, poste drüber und schick der Freundin einen Kuss zur guten Nacht. Und freu mich, dass sie quasi hier mit mir im Bett lag. Ferngespräch, so nah, kein Totstellen nötig.

Advertisements

Ein Kommentar zu “Spoken Snail Mail, oder: Ein Lob auf die WhatsApp-Sprachnachricht

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s